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Ein fiktives Szenario entfacht reale Panik: Der Report „The 2028 Global Intelligence Crisis“ zeichnet das Bild eines KI-getriebenen Nachfragekollapses. Anleger reagieren mit Verkäufen quer durch Branchen.

Ein Blogbeitrag sorgt für Milliardenverluste an den US-Börsen. Der Report „The 2028 Global Intelligence Crisis“ von „Citrini Research“ ist eine sogenannte ökonomische „Vignette“, also ein bewusst zugespitztes Zukunftsszenario. Der Bericht entwirft eine Welt, in der künstliche Intelligenz bis 2028 große Teile der Mittelschicht ersetzt. Das Ergebnis: steigende Unternehmensgewinne, aber kollabierende Nachfrage.

Und die Börse reagiert sehr empfindlich. Der Goldman-Sachs-Index „Software at Risk“ verliert an einem Tag sechs Prozent und liegt seit Jahresbeginn nun 33 Prozent im Minus. Besonders stark unter Druck: Softwareanbieter, Zahlungsdienstleister und aber auch andere Bereiche wie Lieferdienste oder Reiseanbieter.

Doch warum trifft ein spekulativer Bericht die Märkte so hart?

Das Kernnarrativ des Citrini-Berichts: das „Geister-BIP“

Citrini beschreibt ein Paradox: KI-Agenten, also autonome, softwarebasierte Systeme, die selbstständig Aufgaben planen, Entscheidungen treffen und digitale Prozesse ohne menschliches Eingreifen ausführen, steigern bald massiv Produktivität und Gewinne. Sie arbeiten rund um die Uhr, kosten keine Sozialabgaben und skalieren unbegrenzt – anders als ein Mensch. In der Folge wächst das Bruttoinlandsprodukt wächst. 

Es wäre aber ein „Geister-BIP“, weil parallel hochbezahlte Angestellte ihre Jobs verlieren. Und wenn Einkommen wegbrechen, sinkt die Kaufkraft. Und Maschinen konsumieren nicht. Die Folge wäre ein struktureller Nachfrageeinbruch – trotz steigender Effizienz.

Für Investoren ist das brisant. Denn Aktienkurse spiegeln die erwarteten künftigen Zahlungsströme eines Unternehmens. Wenn die Endnachfrage aber fehlt, geraten Geschäftsmodelle unter Druck.

Viraler Bericht befeuert drei Angst-Szenarien

1. SaaS-Modelle verlieren ihre Basis

Viele Softwarefirmen verdienen pro Nutzerlizenz. Wenn Unternehmen statt 1000 Mitarbeitern nur noch wenige KI-Systeme beschäftigen, sinkt die Zahl der zahlenden Nutzer drastisch.

Die Sorge: Umsätze schrumpfen strukturell, Margen brechen ein. Genau diese Befürchtung erklärt den jüngsten Einbruch des von Goldman Sachs zusammengestellten Aktienkorbs besonders gefährdeter Softwareunternehmen. Investoren preisen ein, dass klassische Cloud- und Bürosoftware in einer agentenbasierten Ökonomie weniger Abnehmer hat.

2. Plattformen wie DoorDash oder Booking geraten doppelt unter Druck

Liefer- und Buchungsplattformen wie DoorDash und Booking leben von zwei Faktoren:

  • einer konsumfreudigen Mittelschicht
  • hohen Vermittlungsgebühren

Citrini argumentiert nun, dass KI-Agenten künftig autonom Preise vergleichen und direkt mit Logistik- oder Hotelanbietern verhandeln könnten. Markenloyalität oder emotionale Kaufanreize verlieren an Bedeutung.

Für DoorDash hieße das: sinkende Vermittlungsmargen.

Für Booking: Preisdruck im Kerngeschäft, wenn KI-Systeme Reisen direkt über Schnittstellen buchen.

Hinzu kommt der mögliche Nachfrageschock. Wenn hochbezahlte Büroangestellte Einkommen verlieren, sinkt die Bereitschaft, für Essenslieferungen oder Wochenendtrips Zusatzgebühren zu zahlen.

Die Aktienkurse fallen also nicht wegen aktueller Quartalszahlen, sondern wegen einer möglichen strukturellen Erosion der Geschäftsmodelle.

3. Zahlungsdienstleister und Werberiesen im Visier

Der Report prognostiziert, dass KI-gestützter Direkthandel klassische Vermittler verdrängt. Autonome Systeme würden demnach Transaktionen effizienter abwickeln, Gebühren senken und Werbung weitgehend ignorieren.

Damit geraten Zahlungsanbieter ins Visier. Für Netzwerke wie Visa und Mastercard drohen sinkende Transaktionsmargen. American Express etwa verlor aufgrund der Sorgen 6,3 Prozent. Anleger fürchten hier einen doppelten Effekt: weniger zahlungskräftige Kunden durch Stellenabbau und KI-zu-KI-Zahlungen (etwa durch Stablecoins), die Durchleitungsgebühren umgehen.

Auch Alphabet und Meta Platforms stehen unter Druck. Beide erzielen den Großteil ihrer Erlöse mit digitaler Werbung. Treffen künftig KI-Agenten Kaufentscheidungen rational statt emotional, gerät dieses zentrale Geschäftsmodell unter Druck.

Warum die Märkte so sensibel reagieren

Der Bericht trifft auf einen Markt, der ohnehin unter Spannung steht. Mehrere Faktoren sorgen bereits seit Wochen für Unsicherheit. Das KI-Szenario wirkt nun wie ein Brandbeschleuniger.

  1. Viele Technologieaktien sind hoch bewertet. Investoren zahlen heute für Gewinne, die erst in einigen Jahren erwartet werden. Kommen Zweifel an diesem Wachstum auf, reagieren Kurse besonders empfindlich.
  2. Künstliche Intelligenz ist zugleich Hoffnungsträger und Bedrohung. Während einige Unternehmen profitieren, könnten andere ihr Geschäftsmodell verlieren. Die Grenze zwischen Gewinnern und Verlierern verläuft mitten durch den Technologiesektor.
  3. Das makroökonomische Umfeld bleibt fragil. Steigende Zinsen, Konjunktursorgen und geopolitische Risiken erhöhen die Anfälligkeit für negative Narrative.

Fiktion mit realer Marktwirkung

Citrinis Version von der nicht mehr allzu fernen Zukunft ist deutlich: Ein massiver Effizienzsprung durch KI führt zu Jobverlusten, diese schwächen die Nachfrage und am Ende geraten Bewertungen und Geschäftsmodelle unter Druck.

Ob dieses Szenario Realität wird, ist offen. Historisch haben technologische Umbrüche mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Kurzfristig jedoch dominiert die Sorge vor einer „Todesspirale“, in der Unternehmen Kosten senken und damit ihre eigene Kundschaft schrumpft.

Der Bericht ist keine Prognose, sondern ein Gedankenexperiment. Dennoch trifft er einen wunden Punkt der KI-Euphorie und berührt die derzeit dominierende Frage: Wer profitiert und wer bezahlt den Preis?

Thomas Sabin

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