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Die deutschen Rüstungsexporte erreichen einen neuen Höchststand, doch sind sie zukunftsfähig und erhöhen sie unsere Sicherheit?
Die Exporte der deutschen Rüstungsindustrie erreichen einen neuen Höchststand. Mit einem Anteil von 5,7 Prozent an den weltweiten Waffenexporten im Zeitraum 2021 bis 2025 ist Deutschland nun der viertgrößte Waffenexporteur. Die USA sind mit einem Anteil von 42 Prozent weiterhin der größte Exporteur, gefolgt von Frankreich mit 9,8 Prozent und Russland mit 6,8 Prozent.
Russland hat seine Exporte zugunsten des eigenen Krieges gegen die Ukraine eingeschränkt. An die Ukraine ging fast ein Viertel aller deutschen Waffenexporte (24 Prozent, Datenquelle: SIPRI).
Waffentechnik: Wo Europa besonders abhängig von den USA ist
Der Großteil der Rüstungsexporte bleibt bisher im tradierten Spezialisierungsprofil: gepanzerte Fahrzeuge, Kriegsschiffe, U-Boote sowie Luftabwehrsysteme und Munition.
Es ist unklar, ob der weitere Ausbau die Abhängigkeit von den USA verringern wird. Denn Europa ist nicht von den Panzern und Raketen der USA abhängig, sondern von Kampfjets und vor allem der digitalen Steuerung aller Systeme.
Prof. Dr. Christoph Scherrer, Volkswirt und Politologe, forscht zur internationalen politischen Ökonomie und nachhaltigen Steuerung globaler Märkte. Er war Professor in Kassel und ist Mitglied des Kassel Institute for Sustainability. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
Moralische Bedenken gegen Waffenexporte?
Deutsche Waffen erfreuen sich allerdings seit Langem einer großen internationalen Nachfrage.
Über den gesamten Zeitraum seit 2004 war Deutschland sogar der drittgrößte Waffenexporteur hinter den USA und Russland (Quelle: SIPRI-Daten).
Politisch-moralische Rücksichtnahme, die auch im Kriegswaffenkontrollgesetz vorgeschrieben ist, setzte der Ausfuhr an Staaten außerhalb der Nato jedoch gewisse Grenzen. Es bestand Konsens, dass keine Waffen in Kriegsgebiete außerhalb der Nato verkauft werden sollten.
Deutsche Waffen von Diktatoren gegen eigene Zivilbevölkerung eingesetzt
Eine beliebte Ausrede für die Nichtbeachtung solcher Begrenzungen ist der Verweis auf die Konkurrenz: Solange eine Nachfrage besteht und man selbst nicht liefert, werden es andere tun.
Wenn man sich jedoch letztlich gegen diese Konkurrenz durchsetzt, trägt man eine gewisse Mitschuld, wenn die gelieferten Waffen nicht nur der Abschreckung eines möglichen Aggressors dienen.
Deutsche Waffen wurden von Diktatoren auch gegen die eigene Zivilbevölkerung eingesetzt. So griff das ägyptische Militär im Jahr 2011 während des „Arabischen Frühlings“ unter anderem auf deutsche Waffen zurück, um die Proteste niederzuschlagen.
Die an Israel gelieferten Waffen dienten lange Zeit der Verteidigung des Landes, werden nun jedoch auch für einen Angriffskrieg gegen den Iran eingesetzt. Der Iran wiederum hat deutsche Überwachungstechnologie gegen die eigene Bevölkerung angewendet. Moralische Bedenken lassen sich bei Rüstungsexporten nicht einfach beiseiteschieben.
Der Eigennutzen von Rüstungsexporten
Zwischen 2016 und August 2025 ist die Beschäftigung im Rüstungssektor deutlich rascher gestiegen als im gesamten verarbeitenden Gewerbe: um 64,9 Prozent gegenüber 12,7 Prozent (Quelle: Bundesagentur für Arbeit). Neben diesem Beschäftigungseffekt sind Rüstungsexporte in mehrfacher Hinsicht nützlich für die eigene Sicherheit durch Abschreckung.
Erstens können die Exporte die Beschaffungskosten für die eigene Armee senken, da bei einer größeren Serienproduktion die Kosten pro Stück sinken. Der Nutzen dieses sogenannten Skaleneffekts für die eigene Armee geht allerdings verloren, wenn die Firmen für den Exporterfolg höhere Preise im Inland verlangen, um ihre Güter im Ausland unter Konkurrenzbedingungen günstiger anbieten zu können (sogenannte Quersubventionierung).
Die Skaleneffekte sind übrigens ein starkes Argument für eine engere Zusammenarbeit der Rüstungsindustrie innerhalb der Europäischen Union.
Der wahre Test für die Tauglichkeit einer Waffe ist nicht die Militärübung
Zweitens erhöhen Rüstungsexporte die Produktionskapazitäten. Im Ernstfall können diese dann zur Ausrüstung der eigenen Armee genutzt werden. Die Geschwindigkeit, mit der Waffen produziert werden können, ist kriegsentscheidend. Derzeit wird spekuliert, wem zuerst die Waffen ausgehen: dem Bündnis USA/Israel oder dem Iran.
Der wahre Test für die Tauglichkeit einer Waffe ist nicht die Militärübung, sondern ihr Einsatz im Krieg. Die katastrophalen Folgen einer Niederlage machen den Gegner erfinderisch.
Derzeit werden viele Lehren aus der ukrainischen Verteidigung gegen den russischen Angriff gezogen – nicht nur hinsichtlich militärischer Taktiken, sondern auch hinsichtlich der eingesetzten Waffensysteme.
Die Kehrseite von Rüstungsexporten
Neben der bereits erwähnten moralischen Mitschuld an möglichen Verbrechen, die mit exportierten Waffen begangen werden, gilt für Deutschland insbesondere, dass seine Nachbarn die Angriffskriege des 20. Jahrhunderts nicht vergessen haben. Wie der Bloomberg-Meinungskolumnist Leonel Laurent berichtet, werden sie angesichts des raschen Ausbaus einer technologisch führenden Rüstungsindustrie deshalb etwas nervös.
Falls hoffentlich bald Frieden in der Ukraine eintritt, stellt sich die Frage, ob Deutschland zusammen mit den europäischen Nato-Ländern tatsächlich so große Rüstungsproduktionskapazitäten zur Abschreckung Russlands vorhalten muss.
Bei einem Überhang von Rüstungskapazitäten bestehen zwei Gefahren
Russland erstreckt sich zwar über elf Zeitzonen, hat aber gerade mal ein Viertel der Bevölkerung von Nato-Europa und nur einen Bruchteil der Wirtschaftskraft.
Bei einem Überhang von Rüstungskapazitäten bestehen zwei Gefahren. Rüstungskonzerne und ihre Belegschaften sind politisch einflussreich. Kurzfristig besteht deshalb die Gefahr, dass Steuerzahler eine überteuerte Versicherung für ihre nationale Sicherheit finanzieren müssen.
Langfristig ist zudem nicht auszuschließen, dass die Versuchung wächst, die schlagkräftigen Waffensysteme zur Durchsetzung irgendwelcher Interessen einzusetzen.
Deshalb erscheint es wichtig, den Aufbau von Rüstungskapazitäten nicht ablehnend, aber kritisch zu begleiten, Forschung zu den neuen militärtechnischen Herausforderungen zu fördern, über Alternativen zur Rüstung nachzudenken und die Kontrolle über Rüstungsexporte nicht aufzugeben.
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6 Kommentare
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