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Deutschland sehnt sich nach neuem Aufschwung. Autor Harald Jähner erklärt, was das Wirtschaftswunder trug und was wir daraus lernen können.

FOCUS online: Die Boomjahre nach dem Zweiten Weltkrieg, was war das für eine Zeit?

Harald Jähner: Es war eine Zeit, von der man meint, es gehe immer nur nach oben. Ab 1955 hatten wir Wachstumsraten von durchschnittlich sieben Prozent, in Spitzen sogar über zwölf Prozent pro Jahr. Das sind Zahlen, die heute geradezu schwindelerregend wirken. Deshalb sprach man vom ,Wirtschaftswunder‘. In diesem Wort steckt bereits Ungläubigkeit. Zehn Jahre nach dem Krieg ein solcher Aufstieg – das erschien vielen fast unwirklich. 

FOCUS online: Was machte diesen rasanten Aufschwung möglich?

Ganz wichtig war der Nachholbedarf. Europa war zerstört, auch Deutschland. Ein Wiederaufbau kurbelt immer die Wirtschaft an. Auch in Frankreich oder Italien gab es enorme Aufschwünge. Aber in der Bundesrepublik war der Aufschwung besonders stark.

Und dann kam der Korea-Krieg. Er führte zur Aufrüstung der westlichen Industrienationen. Die westdeutsche Industrie wurde gebraucht, viele Restriktionen fielen weg. Stahl, Maschinenbau, Export – alles lief heiß. So makaber es klingt: Dieser Krieg hatte für Deutschland eine segensreiche wirtschaftliche Wirkung.

FOCUS online: Neben diesen äußeren Faktoren: Wie wichtig war die Haltung der Menschen?

Enorm wichtig. Viele Darstellungen beginnen mit dem Konsum, mit dem bunten Kühlschrank und dem VW Käfer. Ich beginne mit der Arbeit. Vor dem Konsum steht die Produktion. Und da sehen wir eine regelrechte Arbeitswut.

Niemand arbeitete so viel wie die Westdeutschen. Offiziell 48 Stunden pro Woche, dazu im Schnitt zwei Überstunden – und viele inoffizielle. Firmen warben damit: ,Bei uns könnt ihr so viel arbeiten, wie ihr wollt.‘ Man riss sich um Akkordarbeit. Das hatte etwas Manisches.

Und um danach zur Ruhe zu kommen, wurde viel getrunken. Ich habe mir alte ,Spiegel‘-Ausgaben angesehen – fast jede zweite Seite war Alkoholwerbung. Im Wirtschaftswunder wurde extrem viel gearbeitet und extrem viel getrunken.

FOCUS online: Sie sprechen in Ihrem Buch von einem ,pathologischen Arbeitsethos‘. Was meinen Sie damit?

Nach 1945 hatte dieses Land wenig, worauf es stolz sein konnte. Andere Nationen hatten den gewonnenen Krieg, sie hatten auch den moralischen Sieg auf ihrer Seite. Wir hatten die Schande des Nationalsozialismus.

Also suchte man Identität in der Arbeit. Der eigene Fleiß, die eigenen Hände – daraus bezog man Würde. Wir waren ein durch und durch arbeitsfixiertes Land. Arbeit ersetzte gewissermaßen das verlorene moralische Fundament. Das hatte etwas Zwanghaftes.

Über den Autor

Harald Jähner, Jahrgang 1953, war bis 2015 Feuilletonchef der „Berliner Zeitung“, der er seit 1997 angehörte. Zuvor war er freier Mitarbeiter im Literaturressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Seit 2011 ist er Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. 

FOCUS online: Später trat an die Stelle des fleißigen Arbeiters der ,satte Wohlstandsbürger‘. Das gefiel nicht allen.

Nein. Mit steigendem Wohlstand glichen sich die sozialen Unterschiede an. Auch einfache Arbeiter waren plötzlich gut gekleidet, konnten konsumieren, in Urlaub fahren. Die Eliten sprachen vom ,Abschmelzen der natürlichen Kulturpyramide‘. Sie sahen ihre Spitzenposition im ,großen Brei der Masse‘ versinken.

Der Satz ,Wohlstand für alle‘ klang für manche fast sozialistisch. Ludwig Erhard musste in der CDU durchaus kämpfen. Man fürchtete, die Menschen würden materialistisch, sie verlören ihre ,natürliche Bescheidenheit‘. Aus heutiger Sicht wirkt das paradox – damals war es real.

FOCUS online: Welche Rolle spielte die Politik beim Wirtschaftswunder?

Eine kleinere, als sie sich gern zuschreibt. Die internationalen Handelsbedingungen waren ideal. Man hätte sich schon äußerst dumm anstellen müssen, um davon nicht zu profitieren.

Zudem war vieles administrativ einfacher. Es gab deutlich weniger Bürokratie, weniger Einspruchsrechte, schnellere Entscheidungen. Man konnte pragmatischer agieren. Das ist heute kaum noch vorstellbar.

FOCUS online: Springen wir in die Gegenwart. Auf was können wir uns jetzt, 60 Jahre später, zurückbesinnen, um ein neues Wirtschaftswunder zu erreichen? Es geht ja seit einigen Jahren um nichts anderes als: Wie können wir unsere Wirtschaft wieder in Schwung bringen?

Ja, ein Wirtschaftswunder wäre schön. Die Frage ist nur: Woher nehmen? Die Ausgangsbedingungen sind heute vollkommen andere als nach dem Krieg. Damals gab es einen enormen Nachholbedarf. Die Haushalte waren notdürftig ausgestattet, vieles musste erst aufgebaut werden. Heute leben wir in einer gesättigten Gesellschaft. Es gibt nicht mehr viel, was wir dringend brauchen. Man kann hier und da erneuern, etwas ersetzen, aber es fehlt dieser elementare Bedarf, der damals der Motor war.

Hinzu kommt die weltökonomische Lage. Die Konkurrenz ist stärker, etwa aus China. Wir sind teuer, wir sind in einer schwierigen globalen Phase. Das ist keine Frage von Versagen, sondern eine objektiv anspruchsvolle Situation. Ein Wirtschaftswunder lässt sich nicht einfach politisch beschließen.

FOCUS online: Ein großer Unterschied ist ja, wie über Arbeit gedacht wird. Damals warben Firmen damit, dass die Beschäftigten so viel arbeiten können, wie sie wollen. Heute steht Work-Life-Balance im Vordergrund.

Dieser Wandel begann nicht erst vor ein paar Jahren. Schon gegen Ende des Wirtschaftswunders wurde klar, dass die Menschen die Arbeit nicht mehr ins absolute Zentrum ihres Lebens stellen wollten. Man hatte sich an den Aufschwung gewöhnt. Man kämpfte für kürzere Arbeitszeiten, fuhr in den Urlaub, lernte zu genießen.

Die Arbeit rückte langsam aus dem Sinnzentrum des Lebens an den Rand. An ihre Stelle traten andere Werte: Selbsterfahrung, Selbsterfüllung, sinnvoll genutzte freie Zeit. Das ist historisch gewachsen.

Zudem ist die Verbindung zwischen Zeit und Produktivität heute eine andere. In vielen Berufen ist Wertschöpfung nicht mehr einfach an geleistete Stunden gekoppelt. Unsere Arbeit ist effizienter, verdichteter. Man kann das also nicht schlicht vergleichen.

FOCUS online: Was glauben Sie, was nötig ist, um wieder so eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, wie sie damals geherrscht hat?

Für mich ist der größte Hemmnisfaktor die Bürokratie. Wir haben ein so engmaschiges Netz geschaffen, dass jede Initiative Gefahr läuft, zu versanden. Wer etwas bewegen will, muss sich durch unzählige Vorschriften und Verfahren arbeiten. Das entmutigt.

Hinzu kommt eine verselbständigte Dramatisierung der Öffentlichkeit. Viel Schwarzmalerei, viel Alarmismus. Das erzeugt eine Atmosphäre der Verunsicherung. Atmosphäre spielt eine große Rolle. Wenn ständig der Eindruck entsteht, alles gehe den Bach runter, dann lähmt das.

FOCUS online: Ist ein neues Wirtschaftswunder möglich?

Da bin ich skeptisch. Und ehrlich gesagt: Ein neues Wirtschaftswunder können wir uns nicht leisten. Das damalige Wachstum hat enormen Stress erzeugt und enorme Umweltbelastungen.

Ab 1955 steigen Emissionen und Umweltgifte exponentiell. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. Wir sind einmal unter einer gelben Giftwolke von der Schule nach Hause gegangen. Die halbe Schule hat sich am Nachmittag erbrochen. Am nächsten Morgen war alles wieder normal – niemand stellte Fragen. Das war ortsüblich.

Unser Planet würde ein solches Wachstum heute nicht verkraften. Wir müssen Wohlstand anders definieren. Nicht nur „höher, schneller, weiter“. Ein gutes Leben ist mehr als ein dickeres Auto als der Nachbar. Nachhaltigkeit ist keine Mode, sondern Notwendigkeit. Ein echtes Wirtschaftswunder in den damaligen Dimensionen wäre heute fatal.

Clemens Schömann-Finck

Sebastian Astner

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