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Der Iran-Krieg treibt Öl- und Gaspreise nach oben und setzt wichtige Handelsrouten unter Druck. Besonders energieintensive Branchen geraten dadurch unter Stress – von Chemie über Stahl bis zur Landwirtschaft.

Der Krieg im Nahen Osten entwickelt sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Risiko für Deutschland. Ölpreise von zeitweise über 100 Dollar pro Barrel und deutlich gestiegene Gaspreise treiben Produktions- und Transportkosten nach oben.

Die Belastung trifft eine Wirtschaft, die ohnehin schwächelt. Die Aufträge der deutschen Industrie brachen im Januar um 11,1 Prozent ein. Das ist der stärkste Rückgang seit zwei Jahren, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Ökonom Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank spricht von einem ungewöhnlich starken Einbruch: 

„Der Rückgang war erwartbar, er ist vom Ausmaß her ein Schock.“

Der Energieschock könnte diese Entwicklung verstärken. Der Konjunkturchef des Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, erwartet bereits spürbare Folgen für Inflation und Wachstum:

„Wir gehen derzeit von einem Anstieg der Inflationsrate auf knapp 2,5 Prozent aus, wenn die Öl- und Gaspreise innerhalb der nächsten Wochen wieder sinken. […] Sollten die Preise für fossile Energie allerdings für einen längeren Zeitraum stark erhöht bleiben, könnte die Inflation in der Spitze bis auf knapp 3 Prozent steigen.“

Dann würde sich das Wirtschaftswachstum laut Ifo-Prognose auf nur noch 0,6 Prozent in diesem Jahr verlangsamen. Besonders betroffen sind Branchen, in denen Energie ein zentraler Kostenfaktor ist oder sogar Teil des Produktionsprozesses. Ein Überblick.

Chemie und Stahl: besonders exponiert

Besonders empfindlich reagiert die Chemieindustrie auf den Iran-Krieg, weil Öl und Gas hier nicht nur Energie liefern, sondern zugleich zentrale Rohstoffe sind. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, basieren rund 90 Prozent der chemischen Produkte auf Erdöl – von Kunststoffen bis zu synthetischen Fasern. 

Steigende Öl- und Gaspreise verteuern daher unmittelbar wichtige Vorprodukte für zahlreiche Industrien. Branchenvertreter berichten von großer Unsicherheit. Viele Unternehmen würden derzeit „auf Sicht fahren“, heißt es aus dem Umfeld des Chemieverbands VCI laut „Handelsblatt“.

Auch die Stahlindustrie gehört zu den energieintensivsten Sektoren. Hochöfen benötigen enorme Energiemengen, sodass steigende Energiepreise direkt auf die Produktionskosten durchschlagen. 

Gleichzeitig ist die Branche bereits unter Druck: Die Produktion von Metallerzeugnissen sank im Januar laut Statistischem Bundesamt um 12,4 Prozent. Zudem erfordert die geplante Umstellung auf klimafreundliche Stahlproduktion mit Wasserstoff künftig noch mehr Energie und macht stabile Energiepreise umso wichtiger.

Logistik und Transport: Lieferketten reagieren sofort und massiv

Besonders schnell wirkt sich der Iran-Krieg im Transportsektor aus. Der Grund ist die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Energie- und Handelsrouten der Welt. Durch die Meerenge wird ein großer Teil der globalen Öl- und LNG-Lieferungen transportiert.

Seit der militärischen Eskalation ist der Schiffsverkehr dort deutlich gestört. Versicherungsprämien für Frachtschiffe sind stark gestiegen, einige Reedereien meiden die Route ganz. Gleichzeitig passen Unternehmen ihre Lieferketten kurzfristig an.

Neue Daten zeigen, wie drastisch die Auswirkungen bereits sind. Laut einer Analyse des Wirtschaftsdatenanbieters „Dun & Bradstreet“ brachen Containerbuchungen über die Straße von Hormus Anfang März innerhalb weniger Tage massiv ein:

  • Importbuchungen sanken um 59 Prozent, von 25.144 auf 10.382 Standardcontainer (TEU).
  • Gleichzeitig stiegen Stornierungen um 364 Prozent – von 8010 auf 37.193 Standardcontainer (TEU). Die Abkürzung steht für „Twenty-foot Equivalent Unit“, die internationale Maßeinheit für Container im Seeverkehr.
  • Am 3. März wurden 21.762 TEU storniert, aber nur 1915 TEU neu gebucht.

Über mehrere Tage hinweg lagen damit die stornierten Transportvolumen deutlich über den Neubuchungen. Auch bei Exporten zeigt sich der gleiche Trend. Das rollierende Sieben-Tage-Volumen sank laut „Dun & Bradstreet“ seit Mitte Februar um über 40 Prozent.

Besonders betroffen sind Unternehmen aus Transportdienstleistungen (18 Prozent) und aus dem Großhandel (27,5 Prozent). Gemeinsam mit Lebensmittelbranchen machen diese Gruppen mehr als die Hälfte der betroffenen Unternehmen aus. 

Viele Lieferstornierungen im Hormus-Transitverkehr

Insgesamt wurden laut Analyse bereits mehr als 3300 Firmen identifiziert, die Lieferstornierungen im Zusammenhang mit Hormus-Transitverkehren verzeichneten.

Der Chief Regional Officer Central Europe von Dun & Bradstreet, Dirk Radetzki, beschreibt die Entwicklung als klares Warnsignal für Unternehmen:

„Wenn Stornierungen über mehrere Tage hinweg die Neubuchungen übersteigen, ist das ein klares Signal dafür, dass Unternehmen ihre Lieferketten kurzfristig neu kalibrieren.“

Die betroffenen Waren reichen von Maschinen und Fahrzeugteilen über Metalle und Chemikalien bis zu Lebensmitteln. Damit trifft die Störung nicht nur einzelne Branchen, sondern große Teile des globalen Warenverkehrs.

Für die Wirtschaft bedeutet das steigende Transportkosten und größere Unsicherheit entlang der Lieferketten. Unternehmen reagieren bereits mit Umleitungen über alternative Häfen, etwa über große Logistikdrehscheiben wie Jebel Ali in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Landwirtschaft: Dünger könnte zum nächsten Preisschock werden

Der Iran-Krieg könnte sogar indirekt Lebensmittelpreise beeinflussen. Denn moderne Landwirtschaft ist stark von Erdgas abhängig, vor allem bei der Herstellung von Stickstoffdüngern. 

Die Golfregion spielt hier eine wichtige Rolle: Rund 30 Prozent der weltweiten Harnstoffexporte stammen aus dem Nahen Osten, wie Daten der UN-Ernährungsorganisation FAO zeigen. Kommt es durch die Spannungen im Persischen Golf zu Lieferstörungen, könnte ein globaler Düngemittelschock entstehen.

Bereits während der Energiekrise 2022 zeigte sich, wie sensibel dieser Markt reagiert: Damals mussten in Europa zeitweise 70 Prozent der Ammoniak-Produktionskapazitäten stillgelegt werden, weil Gas bis zu 90 Prozent der variablen Kosten ausmacht.

Für deutsche Landwirte wäre ein solcher Preisschock besonders problematisch. Betriebe gaben 2025 schätzungsweise rund zwei Milliarden Euro für Düngemittel aus, drei Viertel davon für Stickstoff. Steigen die Düngerpreise erneut stark, könnten auch Lebensmittelpreise weiter steigen.

Iran-Krieg setzt weitere energieintensive Branchen unter Druck

Auch andere Industrien reagieren empfindlich auf steigende Energiepreise. In der Metall- und Aluminiumproduktion sind Stromkosten ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Schon während der Energiekrise 2022 mussten mehrere europäische Werke ihre Produktion drosseln. Ähnlich abhängig ist die Papierindustrie, die große Mengen Gas für Prozesswärme benötigt.

In der Zement- und Baustoffindustrie treiben hohe Energiepreise ebenfalls die Kosten, weil Kalkstein bei Temperaturen von über 1400 Grad Celsius gebrannt werden muss. Das kann sich letztlich auch auf Baupreise auswirken.

Und selbst Branchen außerhalb der klassischen Industrie sind betroffen: In der Luftfahrt macht Treibstoff je nach Geschäftsmodell 20 bis 40 Prozent der Betriebskosten aus. Steigende Ölpreise könnten deshalb laut Branchenmanagern auch zu höheren Ticketpreisen führen, wenn der Konflikt im Nahen Osten länger anhält.

Nicht alle Experten erwarten einen schweren Konjunktureinbruch

Trotz der Risiken sehen manche Industrievertreter die Lage weniger dramatisch. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erwartet derzeit keine unmittelbaren Versorgungsengpässe für Deutschland. Wolfgang Niedermark, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung, erklärte, die Energieversorgung Europas stehe auf mehreren Säulen.

Zudem spiele Öl für viele industrielle Produktionsprozesse heute eine geringere Rolle als früher. Verwundbar bleibe die Wirtschaft jedoch vor allem bei Transportkosten und Energiepreisen.

Trotz dieser Einschätzungen bleibt das Risiko hierzulande hoch. Deutschland ist stark industrialisiert und gleichzeitig von Energieimporten abhängig. Steigen Öl- und Gaspreise dauerhaft stark, wirken sie daher wie eine zusätzliche Steuer auf Produktion, Transport und Konsum.

Thomas Sabin

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6 Kommentare

  1. Interesting update on Iran-Schock trifft Industrie: Diese Branchen sind gefährdet. Looking forward to seeing how this develops.

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