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Offiziell bleibt Christine Lagarde bis 2027 im Amt. Doch hinter den Kulissen wächst der Druck – nicht wegen der Inflation, sondern wegen Macrons schwindender Macht. Ein Spanier könnte davon profitieren.
In Frankfurt am Main, wo der Euro zwar nicht gedruckt, aber von den oberen Etagen des Towers der Europäischen Zentralbank gesteuert wird, brodelt eine Debatte über die Zukunft der Präsidentin: Christine Lagardes Vertrag läuft offiziell noch bis zum 31. Oktober 2027. Doch insbesondere britische Medien spekulieren, ob sie eher geht, und wollen dafür gute Quellen haben. Die Präsidentin selbst weist das zurück, doch die Gerüchte halten an.
Der Grund liegt nicht in ihrer Geldpolitik, nicht in der Inflation und auch nicht in der üblichen Spannung zwischen Falken und Tauben. Der Grund sitzt in Paris. Dort wird Präsident Emmanuel Macron bereits als „Lame duck im Élysée-Palast“ bezeichnet, ein Staatschef mit schwindendem Einfluss, dessen Fähigkeit, europäische Personalentscheidungen zu steuern, sichtbar erodiert. Und bevor sie ganz verschwindet, könnte er noch einen Coup landen und mitreden beim wichtigsten europäischen Finanz-Spitzenposten. Genau deshalb beginnt die Uhr für Lagarde zu ticken.
„Lame duck“ im Élysée-Palast
Wer sich in europäischen Zentralbankerkreisen umhört, erlebt so etwas wie entspannte Erwartung. Nein – Christine Lagarde, die in Davos beleidigt den Saal verließ, wird nicht morgen ihren Hut nehmen. Aber ja, sie könnte womöglich nicht bis zum Schluss bleiben, sondern Anfang nächsten Jahres ihren Posten räumen, lautet die Meinung.
Denn wer verstehen will, wie die Spitze der EZB besetzt wird, muss weniger auf volkswirtschaftliche Bilanzen und Voraussagen schauen als auf politische Geografie. Die Entscheidung über die Besetzung war nie ein transparenter Wettbewerb, sondern stets ein diskretes Arrangement zwischen Paris und Berlin, ein Gleichgewicht aus Interessen, Einfluss und gegenseitiger Rücksichtnahme.
EZB-Tower in Frankfurt ist ein Machtzentrum
Rom und Madrid durften gelegentlich mitreden, kleinere Staaten wurden als gemeinsamer Nenner, auf den man sich verständigen konnte, großzügig erst dann einbezogen, wenn die Entscheidung gefallen war. Der gläserne EZB-Tower in Frankfurt ist kein technokratischer Tempel, sondern ein Machtzentrum. In Zeiten hoher Inflation, wachsender Schulden und geopolitischer Spannungen ist die Zentralbank mehr denn je ein politisches Instrument.
Die Lage erinnert an ein Schachspiel, bei dem nicht der nächste Zug zählt, sondern die Stellung in drei Zügen. Frankreich hat mit Lagarde trotz harter Kritik zum Amtsantritt bereits den wichtigsten Posten besetzt. Ein zweites Mandat für Paris gilt in der europäischen Machtarithmetik als kaum durchsetzbar, zumal Macron eben innenpolitisch abgewirtschaftet hat und europäische Partner beginnen, ihre Optionen neu zu sortieren. Gleichzeitig wächst das Selbstbewusstsein Südeuropas. Spanien, lange Beobachter, drängt ins Zentrum. Italien sucht Verbündete. Die nördlichen Staaten wollen Stabilität, fürchten aber politische Dominanz.
Diskretes Arrangement zwischen Berlin und Paris
In diesem Geflecht erscheinen manche Kandidaten stärker als andere, unabhängig von ihren geldpolitischen Konzepten. Der deutsche Bundesbankpräsident Joachim Nagel etwa wird in Zentralbankkreisen kaum noch ernsthaft gehandelt. Deutschland gilt als zu groß, zu orthodox, zu wenig kompromissfähig, um den europäischen Konsens zu verkörpern. Stattdessen verdichtet sich die Debatte auf zwei Namen, die für zwei Politikstile stehen.
Da ist, so ist zu hören, der Niederländer Klaas Knot, lange Chef der niederländischen Notenbank, ein Vertreter klassischer Stabilitätspolitik, geprägt von monetärer Disziplin, skeptisch gegenüber dauerhaften Anleihekäufen und expansiver Fiskalpolitik. Seine Anhänger sehen in ihm eine Rückkehr zur alten Ordnung, zu einer Zentralbank, die sich stärker auf Preisstabilität konzentriert.
Und da ist der Spanier Pablo Hernández de Cos, derzeit Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, international vernetzt, politisch geschickt und akzeptabel für Nord und Süd. Sein Vorteil liegt nicht nur im Profil, sondern in der Geografie: Spanien hat noch nie den EZB-Präsidenten gestellt. In Brüssel und den Hauptstädten gilt das als starkes Argument, fast als überfällige Korrektur im europäischen Gleichgewicht.
Spanien schlägt die Niederlande und Deutschland sowieso
Während sich diese Entscheidung abzeichnet, verschiebt sich der Fokus in Paris und Berlin auf die zweite Reihe, auf jene Posten, die weniger sichtbar, aber oft entscheidender sind als der Präsident selbst. Dort wird die intellektuelle Architektur der Geldpolitik entworfen. Der Chefvolkswirt der EZB, seit 2019 ist das der Ire Philip Lane, bestimmt maßgeblich den analytischen Rahmen, in dem Entscheidungen fallen. Als möglicher Nachfolger wird der deutsche Ökonom Markus Brunnermeier gehandelt, ein international anerkannter Finanztheoretiker, der Brücken schlagen könnte zwischen Stabilität und Pragmatismus.
Gleichzeitig steht die Nachfolge des deutschen Direktoriumsmitglieds Isabel Schnabel im Raum, deren Einfluss auf Kapitalmärkte, Kommunikation und strategische Ausrichtung der EZB in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen ist. Wer diese Position besetzt, prägt die operative Geldpolitik oft stärker als der Präsident selbst.
Konzentration auf die zweite Reihe
Dass all diese Bewegungen aufmerksam verfolgt werden, liegt an einer Entwicklung, die in Europa selten offen ausgesprochen wird: die schleichende Politisierung der an sich doch unabhängigen Geldpolitik der Zentralbank. Während in den USA die Debatte über die Unabhängigkeit der Federal Reserve System laut und sichtbar geführt wird, verläuft sie in Europa leise, fast höflich, in Gesprächen hinter verschlossenen Türen, in vertraulichen Papieren und strategischen Personalentscheidungen. Doch die Fragestellung ist die gleiche: Wie unabhängig kann eine Zentralbank bleiben, wenn sie über Staatsfinanzierung, Bankenstabilität, Klimarisiken und geopolitische Schocks entscheidet und die Spitzenjobs ausschließlich in Deals zwischen Spitzenpolitiker ausgewürfelt werden?
Ein vorzeitiger Abgang Lagardes wäre deshalb mehr als ein Personalwechsel. Er wäre ein Signal, dass die politische Phase der EZB nicht vorüber ist, sondern die Geldpolitik mittendrin steckt. Die Märkte würden sich schnell anpassen. Doch die eigentliche Wirkung läge tiefer. Sie würde zeigen, dass die europäische Integration weiterhin von nationalen Machtzentren gesteuert wird, auch wenn die Institutionen längst supranational erscheinen.
Europas Geldpolitik entscheidet sich in den Hauptstädten
Europas Geldpolitik entscheidet sich also nicht in Frankfurt, nicht im Plenarsaal des Europäischen Parlaments und auch nicht in akademischen Debatten. Sie entscheidet sich in den Hauptstädten, in Gesprächen, die selten protokolliert werden, in Kompromissen, die nie öffentlich werden. Solange das so bleibt, wird die EZB unabhängig wirken und politisch bleiben.
Artikel verfasst von Business Punk.
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6 Kommentare
Great insights on News. Thanks for sharing!
Good point. Watching closely.
I’ve been following this closely. Good to see the latest updates.
Solid analysis. Will be watching this space.
Interesting update on Lagarde vorzeitig weg? Der Name eines Spaniers geht um. Looking forward to seeing how this develops.
This is very helpful information. Appreciate the detailed analysis.