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Kernaussagen
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Der Historiker und Investor Rainer Zitelmann verlangt mehr privaten Kapitalismus im Weltraum. Nur so lasse sich bei der Raumfahrt wirklich schneller Fortschritt erzielen.
Das Gespräch führte Oliver Stock
FOCUS online: Herr Zitelmann, ihre Kernthese lautet „Privat schlägt Staat“. Sie haben das jetzt auch auf den „Weltraumkapitalismus“ übertragen. Staatliche Akteure haben im Orbit wirklich nichts zu melden?
Die Überlegenheit privater Akteure sieht man schon daran: Die Kosten, um 1 kg ins All zu bringen, haben etwa vier Jahrzehnte lang mehr oder minder stagniert, bevor Elon Musk sie um über 90 Prozent reduzieren konnte. Er hat schon vor zehn Jahren eine wiederverwendbare Rakete geschaffen, woran sich staatliche Raumfahrtorganisationen über Jahrzehnte die Zähne ausgebissen hatten. Bis heute haben das weder die NASA noch die Chinesen, die Russen oder die ESA geschafft. Jeff Bezos’ Unternehmen Blue Origin hat es vor Kurzem ebenfalls geschafft. Über 50 Prozent aller Raketenstarts in den vergangenen beiden Jahren waren von SpaceX! Wäre SpaceX ein Land, dann wäre es Nummer 1 weit vor China. Der Staat wird sicher im militärischen Bereich weiter im Weltraum aktiv sein und auch in der reinen Forschung, wo es keine Gewinnmöglichkeiten gibt.
SpaceX hat also den Paradigmenwechsel gebracht, sagen sie. Was ist dabei wirklich Kapitalismus – und was ist staatlich mitfinanziert?
Es ist eine Legende, dass SpaceX vom Staat abhängt. Ich schätze mal, dass weniger als zehn Prozent des Auftragsvolumens von SpaceX von der NASA stammen. Dazu kommen dann noch mal 10 bis 15 Prozent andere staatliche Auftraggeber aus dem militärischen Bereich. Das heißt aber im Umkehrschluss: Etwa drei Viertel aller Auftraggeber sind Privatunternehmen, die z.B. ihre Satelliten von SpaceX ins All bringen lassen. Also Unternehmen wie Planet Labs, die 200 Satelliten im All haben und täglich die Erde fotografieren und das dann verkaufen.
Und denken Sie allein an die Umsätze, die das Satellitensystem Starlink macht, es dürften etwa 12 Milliarden Dollar sein, überwiegend von den 9 Millionen Abonnenten, die 100 bis 150 Dollar im Monat zahlen, dazu kommen Hardware-Verkäufe.
In ihrem neuen Buch lautet ein Argument: Ohne Eigentumsrechte auf Sonne, Mond und Sternen seien Anreize blockiert. Deswegen muss das möglich sein. Welche Eigentumsordnung schlagen Sie vor: First come, first served?
Für die Sonne und Sterne fehlt mir die Fantasie. Ich spreche vom Mond, vom Mars und den Asteroiden. Musk will 1 Million Menschen auf dem Mars ansiedeln. Das klingt fantastisch, aber egal wie viele es sein werden: Das kann gar nicht staatlich finanziert werden, auch 50.000 nicht, was Robert Zubrin von der Mars Society anvisiert. Das könnte nur privatwirtschaftlich organisiert werden. Und da braucht es wirtschaftliche Anreize. Ich meine die Möglichkeit, Grund und Boden auf anderen Himmelskörpern zu verkaufen, um solche Projekte zu refinanzieren. Wie soll denn eine Mond- oder Marssiedlung ohne Privateigentum funktionieren? Auf der Erde funktionieren auch keine Wirtschaftssysteme ohne privates Eigentum.
Was ist dann Ihr konkreter Vorschlag?
Wenn es etwa SpaceX gelingt, zum Mars zu kommen und dort dauerhafte Siedlungen zu errichten, dann sollte das Eigentum an Grund und Boden zuerst an SpaceX gehen. Nicht vom gesamten Planeten, sondern von einer überschaubaren Fläche, so viel wie man entwickeln kann. SpaceX könnte die Flüge und die Entwicklungskosten refinanzieren, wenn es die Fläche in Form von Real Estate Investment Trusts an die Börse bringen würde. Der Preis würde sich am Markt bilden. Die meisten Menschen würden Anteile nicht deshalb kaufen, um dort selbst zu wohnen, sondern in der Hoffnung auf Wertsteigerungen.
Für den Ressourcenabbau im All: Muss es dazu eher mehr Regeln oder weniger geben?
Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet die Aneignung von Land auf Himmelskörpern für Staaten. Manche Juristen meinen, für Unternehmen und Privatleute sei das auch verboten, aber das ist umstritten. Hier muss es irgendwann Klarheit geben, dass es für Private möglich ist, dort Eigentum zu erwerben. Sie werden das sowieso machen. Was Themen wie Space Mining anlangt, so haben die USA und einige wenige andere Länder bereits Rechtsgrundlagen geschaffen, was ein Fortschritt ist. Im Übrigen wäre es fatal, wenn man jetzt mit Regulierungen beginnt. Man sollte es so machen, wie die USA dies beim Thema Space Tourismus seit über zwei Jahrzehnten machen: Da gibt es eine „Learning Periode“, die immer wieder verlängert wird.
Was ist damit gemeint?
Die Unternehmen sollen in dieser Phase nicht mit Regulierungen belästigt werden. Das hat sich bewährt. Die EU fängt jedoch schon wieder an, alles Mögliche zu regulieren, aber sie spielt keine wichtige Rolle in der Raumfahrt. Im vergangenen Jahr waren von 324 Raketenstarts acht aus Europa. Selbst das private Unternehmen Rocket Lab aus Neuseeland hat fast drei Mal so viele Raketen ins All gebracht, ganz zu schweigen von SpaceX, bei denen es 20-mal mehr waren.
Der Markt im All ist eng verknüpft mit Militär, Überwachung, Dual-Use. Wenn private Akteure dominieren: Bedeutet das dann auch die Privatisierung sicherheitspolitischer Macht?
Das glaube ich nicht. Die Privaten gehen dahin, wo Geld zu verdienen ist. Die USSF (United States Space Force) und die NRO (US-Behörde, die für Spionagesatelliten zuständig ist) sind lediglich Kunden von SpaceX, weil sie durch Musk ihre Satelliten ins All bringen lassen. Es stimmt, dass Musk eine wichtige Rolle im Ukrainekrieg gespielt hat. Anfangs stellte er Tausende Starlink-Terminals kostenlos zur Verfügung, die für die ukrainische Armee und Zivilbevölkerung lebenswichtig wurden, um Kommunikation trotz zerstörter Infrastruktur aufrechtzuerhalten, was ich begrüße. Später hat er zeitweise Starlink-Zugang in bestimmten Kampfzonen verweigert, was ich kritisch sehe. Aber unter dem Strich ist es mir lieber, wenn ein Musk hier eine gewisse Rolle spielt, denn er ist allemal vernünftiger als Trump oder Putin. Oder trauen Sie Trump und Putin mehr als einem Musk oder Bezos?
Wenn sich ihre Vision durchsetzt: Was ist der messbare „Benefit“ für uns alle, den die Nutzbarmachung des Weltraums bietet?
Schon heute gibt es kaum jemanden auf der Welt, der nicht von der Space Economy profitiert. Bei jeder Wettervorhersage, wenn Sie GPS benutzen oder bei Uber ein Auto bestellen – all das funktioniert ohne Satelliten nicht. Geben Sie mal als Gedankenexperiment bei ChatGPT oder irgendeiner anderen KI ein, was passieren würde, wenn morgen alle Satelliten ausfallen. Da werden Sie staunen! Und es gibt viele Zukunftsthemen, zum Beispiel Rechenzentren im All. Da gibt es schon sehr konkrete Pläne, nicht nur von SpaceX, sondern zum Beispiel auch von Google gemeinsam mit Planet Labs. Rechenzentren im All bergen einige Probleme, haben aber auch große Vorteile, so etwa, dass Sonnenenergie ohne Wolken oder Tag- und Nachtzyklen ständig verfügbar ist und es auch keine langen Genehmigungszeiten gibt wie für Rechenzentren auf der Erde.
Und langfristig, was ist die ganz große Perspektive?
Langfristig geht es um viel mehr, um das Überleben der Menschheit. Irgendwann wird wieder ein riesiger Asteroid die Erde treffen – wir wissen nur nicht, ob das in 1000 oder 1 Million Jahren der Fall sein wird. Im schlimmsten Fall könnte alles menschliche Leben ausgelöscht werden. Bis dahin sollten wir es geschafft haben, den Mars zu besiedeln, vielleicht sogar zu terraformen. Das wird lange dauern, und bis eine Marsgesellschaft unabhängig von der Erde überleben könnte, wird es Hunderte oder Tausende Jahre dauern. Deshalb sollten wir so schnell wie möglich beginnen. Mit dem Starship stehen die technischen Möglichkeiten dafür bald zur Verfügung. Musk hat immer wieder betont, SpaceX könne noch so sehr finanziell erfolgreich sein, aber wenn das eigentliche Ziel, nämlich die Kolonisierung des Mars, verfehlt würde, dann sei SpaceX aus seiner Sicht gescheitert.
(„Weltraumkapitalismus (ANZEIGE)“ – das neue Buch von Dr. Rainer Zitelmann erscheint am 16. März)
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6 Kommentare
I’ve been following this closely. Good to see the latest updates.
Great insights on News. Thanks for sharing!
This is very helpful information. Appreciate the detailed analysis.
Solid analysis. Will be watching this space.
Interesting update on Privat schlägt Staat: SpaceX definiert die Raumfahrt neu. Looking forward to seeing how this develops.
Good point. Watching closely.