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Stromnetze, Chemieparks, Chipfabriken und Zahlungsverkehr sind strategische Ziele in einer angespannten Weltlage. Wie sich Deutschlands Schlüsselunternehmen auf Krisen vorbereiten – und welche Fähigkeiten Beschäftigte jetzt brauchen.

Die Bedrohung ist real und sie trifft längst nicht nur Bundeswehr-Kasernen oder Ministerien. Hybride Angriffe, Sabotage, Desinformation, Cyberattacken: „In den Konflikten von heute gerät die zivile Wirtschaft immer stärker ins Fadenkreuz feindlicher Mächte“, sagt Hubertus Bardt, Geschäftsführer des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Für eine notwendige und wirksame Abschreckung müsse die Wirtschaft Teil der Sicherheitsarchitektur sein. „Ohne eine gut vorbereitete Wirtschaft ist die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit unvollständig.“

Die Zahlen sind ernüchternd: Laut IW haben zwar 86 Prozent der Unternehmen Maßnahmen gegen Cyberangriffe ergriffen. Doch nur 22 Prozent haben Vorsorge für Infrastrukturausfälle getroffen, lediglich rund fünf Prozent sind auf Personalausfälle vorbereitet – etwa, wenn Reservisten eingezogen werden.

Was das konkret heißt? Es muss zeitnah etwas getan werden: mehr Freistellung von Reservisten, robuste Lieferketten, Schutz vor Sabotage und ein enger Austausch mit Sicherheitsbehörden. Ziel sei, so Bardt, „eine gesamtgesellschaftliche Verteidigungsfähigkeit und eine entsprechende Abschreckung herzustellen – damit der Krisenfall nicht eintritt.“

Energie: Strom als Rückgrat der Resilienz

Ohne Strom kein Staat. Krankenhäuser, Rechenzentren, Bahnen, Wasserwerke – alles hängt am Netz. Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz betreibt das Hochspannungsnetz in Nord- und Ostdeutschland und versorgt rund 18 Millionen Menschen. Das Unternehmen betont, es sehe sich ausdrücklich als Teil der Gesamtverteidigung: „Die Stromversorgung ist das Rückgrat der gesamtgesellschaftlichen Resilienz, und somit auch der militärischen und zivilen Verteidigung“, sagt 50Hertz gegenüber FOCUS online.

Auf die Frage nach Notfallplänen erklärt das Unternehmen: „50Hertz verfolgt einen ganzheitlichen Sicherheitsansatz, der technische, organisatorische und strategische Maßnahmen kombiniert.“ Dazu gehören Objektschutz, Business Continuity Management und ein etabliertes Krisenmanagement. Man investiere „erheblich in die Härtung unserer Assets“.

Auch E.ON, einer der größten europäischen Betreiber von Strom- und Gasnetzen, sieht sich in besonderer Verantwortung. Ein Sprecher sagt: „Unsere Infrastruktur zu schützen und damit die Versorgungssicherheit unserer Kunden zu gewährleisten, zählen zu unseren Kernaufgaben.“ Man bereite sich auf „eine Vielzahl möglicher Szenarien“ vor und arbeite „Hand in Hand mit staatlichen Stellen“.

Logistik: Versorgungsadern im Krisenfall

Die Logistik ist neuralgisch – ob bei Treibstoffengpässen, Grenzschließungen oder Personalausfällen. In einem Verteidigungs- oder Krisenszenario entscheidet sie über Versorgungssicherheit, Rohstoffzufuhr und Truppenbewegungen.

Hapag-Lloyd, größte deutsche Reederei und fünftgrößte weltweit, erklärt gegenüber FOCUS online: „Wir haben für verschiedene Szenarien die entsprechenden Krisenpläne vorbereitet.“ Zudem sei man „in regelmäßigem Austausch im lokalen und nationalen Bereich“, um im Krisenfall eine „führende Rolle“ einnehmen zu können.

Die Deutsche Bahn verweist auf ihre bereits definierte Rolle, nennt jedoch keine Details. Auch DHL, einer der größten Logistikkonzerne der Welt, hält sich bedeckt. Der Konzern gilt als zentrale Lebensader globaler Warenströme – von Industrievorprodukten bis zu Arzneimitteln. Gerade in einem Szenario, in dem Lieferketten gezielt unter Druck geraten könnten, wäre diese Infrastruktur strategisch entscheidend. 

Industrie: Drohnen, Lieferketten, Mikroelektronik

Insgesamt steht die Industrie gleich doppelt unter Druck: durch Vorproduktion und technologische Abhängigkeiten. Und sie ist einer veränderten Bedrohungslage ausgesetzt – von Spionage bis zu Lieferengpässen.

Die BASF ist in diesem Zusammenhang zentral, weil der Konzern als weltweit größtes Chemieunternehmen Grundstoffe produziert, die in nahezu allen Industriezweigen stecken: von Kunststoffen über Pharma-Vorprodukte bis zu Spezialchemikalien für die Rüstungs- und Halbleiterindustrie. Fällt ein großer Chemie-Standort aus, geraten ganze Wertschöpfungsketten ins Stocken.

Die BASF betont auf Nachfrage: „Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine hat sich die Sicherheitslage weltweit verändert.“ Neue Technologien würden „zunehmend für Spionagezwecke eingesetzt“. Das Unternehmen arbeite eng mit Behörden zusammen, setze auf die „Verzahnung von physischen und digitalen Sicherheitsmaßnahmen“ sowie auf technologische Innovationen zur Drohnenabwehr. Die Sicherheit der Standorte habe „oberste Priorität“. Man sorge über „robuste Prozesse und etablierte Notfallmechanismen“ dafür, „dass wir jederzeit handlungsfähig bleiben.“

Chips: Infineon und die strategische Mikroelektronik

Noch strategischer ist die Halbleiterindustrie. Ohne Chips funktionieren weder Waffensysteme noch Stromnetze, Autos, Kommunikationssysteme oder industrielle Steuerungen. Die Abhängigkeit Europas von asiatischer Produktion gilt als geopolitisches Risiko.

Infineon, einer der führenden europäischen Halbleiterhersteller, verweist auf seine strategische Rolle in der Mikroelektronik. Eine „starke Mikroelektronikindustrie fördert grundsätzlich die Lieferkettensicherheit und damit die wirtschaftliche Resilienz.“ Mit der „Smart Power Fab“ in Dresden leiste man hierzu einen Beitrag in Europa. Das Unternehmen betont, sich auf unterschiedliche Szenarien vorzubereiten, nennt jedoch aus Sicherheitsgründen keine Details.

Bosch: Der stille Riese der Verteidigungsfähigkeit

Bosch will sich nicht äußern – vielleicht, weil seine Produkte überall vorkommen: Der Technologiekonzern liefert Sensoren, Steuergeräte, Leistungselektronik und Halbleiter, die in Fahrzeugen, Energieanlagen, Industrieanlagen und Kommunikationssystemen verbaut sind. Ohne diese Bauteile läuft in der modernen Wirtschaft kaum etwas.

Besonders sensibel: Bosch betreibt in Dresden eine hochmoderne Chipfabrik. Halbleiter gelten seit dem Ukraine-Krieg als geopolitische Schlüsselressource – sie stecken in Waffensystemen, Drohnen, Stromnetzen und industriellen Steuerungen. Wer Chips kontrolliert, kontrolliert zentrale Teile technologischer Macht.

Fällt ein solcher Zulieferer aus – etwa durch Cyberangriffe, Sabotage oder Lieferkettenstörungen –, stehen ganze Industriezweige still. Bosch ist damit kein klassischer Betreiber kritischer Infrastruktur wie ein Stromnetzbetreiber oder eine Bank. Aber als technologischer Knotenpunkt ist das Unternehmen ein systemischer Faktor für wirtschaftliche Stabilität – und im Ernstfall auch für Verteidigungsfähigkeit.

Digitale Systeme: Hybride Angriffe als Kernrisiko

Digitale Infrastrukturen verbinden Energie, Industrie, Verwaltung und Militär. Entsprechend groß ist ihre Angriffsfläche. SAP, dessen Systeme auch von NATO-Armeen genutzt werden, erklärt: „Resilienz ist heute keine rein technische Frage mehr, sondern eine gemeinsame Aufgabe von Staat und Wirtschaft.“ Neben Cyberangriffen würden auch Energieausfälle und infrastrukturelle Störungen berücksichtigt. Zu den größten Risiken zählten „hybride Bedrohungen und staatlich gesteuerte Sabotage.“

Die Deutsche Telekom teilte mit, man könne sich „vor dem Hintergrund einer angespannten geopolitischen Lage“ nicht äußern.

Banken: Zahlungsfähigkeit auch im Ausnahmezustand 

Auch Banken gelten als kritische Infrastruktur. André Nash, Leiter Banktechnologie und Sicherheit beim Bankenverband, betont gegenüber FOCUS online: „Banken sichern den Zahlungsverkehr, finanzieren die Wirtschaft und gewährleisten Liquidität – auch in Ausnahmesituationen.“ Notfall- und Continuity-Maßnahmen seien fest verankert, insbesondere mit Blick auf Cyber-Resilienz.

Ein Ausfall des Zahlungsverkehrs hätte unmittelbare Folgen für Unternehmen, Bürger und Staat – von Lohnzahlungen bis zur Bargeldversorgung.

Welche Fähigkeiten jetzt entscheidend sind 

Verteidigungsbereitschaft entsteht nicht nur durch Beton, Firewalls und Notstromaggregate. Wer künftig in Energieunternehmen, Banken, Industrie- oder Tech-Konzernen arbeitet, braucht mehr als Fachwissen im engeren Sinne. Gefragt ist ein neues Sicherheitsbewusstsein – die Fähigkeit, Risiken früh zu erkennen, Abläufe im Krisenfall zu beherrschen und auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben.

IT- und Cybersecurity-Kompetenz werden zur Grundvoraussetzung – nicht nur für Spezialisten, sondern in immer mehr Berufsbildern. Wer mit sensiblen Daten arbeitet, sollte Social-Engineering-Angriffe erkennen können. Wer Prozesse steuert, muss wissen, wie Notfall- und Wiederanlaufpläne funktionieren. 

Ein strukturiertes Notfall- und Vorsorgekonzept für Unternehmen, ein sogenanntes Business-Continuity-Management, rückt aus der Nische ins Zentrum vieler Unternehmen.

Hinzu kommen technologische Fähigkeiten: Kenntnisse in KI, Datenanalyse und Automatisierung sind nicht nur Innovationsmotor, sondern auch Teil der Verteidigung gegen komplexe Angriffe. Banken und IT-Konzerne sprechen ausdrücklich von Cyber-Resilienz, regelmäßigen Übungen und strukturierten Wiederanlaufprozessen.

Und dann sind da noch die scheinbar unspektakulären, aber strategisch wichtigen Kompetenzen: logistisches Know-how, technische Ausbildung, Lkw-Führerscheine, Engagement im Katastrophenschutz. In einem Szenario mit Personalengpässen oder unterbrochenen Lieferketten können genau solche Fähigkeiten entscheidend werden.

Am Ende geht es um Anpassungsfähigkeit. „Kontinuierliches Lernen, Anpassungsfähigkeit und Resilienz“ – so beschreibt es ein Konzernvertreter. Stabilität ist heute kein Zustand mehr. Sie ist eine Fähigkeit.

Hannah Petersohn

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