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Für FOCUS online Finanzen führte ich viele Gespräche mit Beate Sander. Beeindruckt hat mich nicht nur, wie sie es mit 30.000 Euro zur Million brachte, sondern auch ihre direkte Art, ihr Kampfgeist und ihr Humor. Eine Erinnerung an die Börsen-Oma, deren Anlage-Strategien auch nach ihrem Tod weiterleben.
Ich kenne kaum einen Menschen, der direkter kommunizierte als Beate Sander. Am 29. August 2020 um 6:16 Uhr erreichte mich im Urlaub eine Mail. Betreff: „Neuer Oberschenkelhalsbruch – das ist wohl das Ende“. Der Text bestand aus einer einzigen Frage: „Kommen Sie zu meiner Beerdigung?“
Das war Beate Sander. Keine Umschweife, keine Sentimentalitäten, kein Selbstmitleid. Sie wusste, dass sie den Kampf gegen den Krebs verlieren würde.
Nie jammernd, nie leidend
Zweimal war ich bei ihr in Ulm. Sie war ein Energiebündel, obwohl schon damals von der Krankheit geplagt. Auf die obligatorische Einstiegsfrage, wie es ihr gehe, antwortete sie stets: „Lassen Sie uns über etwas anderes reden.“
Haben wir dann getan. Über Aktien, über Strategien, über die Börse und warum sich speziell Frauen mit dem Thema Altersvorsorge und Finanzen auseinandersetzen sollten. Über alles haben wir geredet, nur nicht über Krankheit und Schmerzen. Bis auf das eine Mal, an das ich mich erinnere, als wäre es gestern: Plötzlich kam der Satz, sie hätte höllische Schmerzen. Da war mir klar: Lange geht es nicht mehr gut.
30 Jahre FOCUS online – 30 Storys, die Mut machen
FOCUS online wird 30. In den vergangenen Jahren haben unsere Redakteurinnen und Redakteure unzählige Geschichten recherchiert und erzählt. Manche davon sind ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zum Jubiläum sind wir 30 dieser besonderen Storys noch einmal nachgegangen und zeigen, wie es damit weitergegangen ist und was uns daran Mut macht.
Bei der Börsen-Oma zu Hause
Ihr Haus in Ulm war unscheinbar. Keine Villa, kein Prachtbau. Wie man es sich von einer Oma vorstellt. Aber sie war die Börsen-Oma. Neben ihrem Bett der Rechner, mit dem sie alles machte. In der Vitrine im Wohnzimmer die zahlreichen Finanzbücher, die sie in ihrem Leben geschrieben hatte.
Sie war stolz darauf, dass Sohn Uwe ihr den Rechner gekauft und installiert hatte. Sie hat sich dann wie immer in ein neues Thema eingearbeitet und konnte die wichtigsten Programme gut bedienen. Mit 82 Jahren. Trotz Krebs und höllischen Schmerzen.
Vor der Kamera vergaß sie ihre Schmerzen
Wenige Tage vor ihrem Tod im September 2020 veranstalteten wir noch ein Webinar. Wir hätten auch kein Interview und kein Webinar mehr machen müssen, ich hätte es verstanden. Aber sie wollte es. Sie brannte für ihre Leidenschaft und wollte ihr Börsenwissen weitergeben – speziell an Frauen.
„Wenn ich vor der Kamera bin, Vorträge halte oder Interviews gebe, dann schütte ich so viel Adrenalin aus, dass ich meine Schmerzen vergesse“, sagte sie. Deshalb haben wir beides geführt. Klar im Kopf, fundiert und direkt. Wie immer.
Von 30.000 Euro zur Million
Bekannt wurde Beate Sander mit ihrem Börsenführerschein, der 2020 in der Jubiläumsausgabe erschien. Und vor allem dank ihrer Geschichte: Mit einem Startkapital von umgerechnet 30.000 Euro schaffte sie es innerhalb von 23 Jahren zur Millionärin. Mit ihrer Hoch/Tief-Mut-Strategie.
Sie hatte Mut, sie war zäh und besessen vom Erfolg. Wer glaubt, es ihr einfach nachmachen zu können, sollte am Tag mindestens 18 Stunden einplanen. So viel hat sie gearbeitet. Etwas leisten, gute Aktien finden und diese mutig kaufen. Und schreiben.
Ihre Bücher sind ihr Nachlass. Sie wollte jedem Anleger Mut machen, speziell den Frauen, und mahnte stets, dem Sparbuch abzuschwören. „Durch Warten ist noch niemand reich geworden.“
Die Wette am Tischtennistisch
Ein Beispiel aus ihrer Jugend zeigt ihren Charakter. Mit ihrem Mann verbrachte sie in jungen Jahren ihren Urlaub auf einem Campingplatz in Italien. Dort stand eine Tischtennisplatte. Eine Sportart, für die die junge Beate nicht so schwärmte. Hockey faszinierte sie.
Ihr Mann konnte mit dem Zelluloid-Ball besser umgehen, sie hatte beim Match keine Chance. Aber sie wollte eine eigene Platte. „Ich habe meinem Mann gesagt, dass wir nächstes Jahr wieder ein Match austragen. Der Verlierer zahlt eine hochwertige Tischtennisplatte.“ Die Wette galt.
„Ich konnte nur Angriff, aber das ganz gut“
Beate Sander ging in den Dorfverein und lernte das Spiel. Mit Talent, Einsatz und unbändigem Willen. „Ich konnte nur Angriff, aber das ganz gut“, erinnerte sie sich später.
Und wie: Nicht nur ihr Mann war im Jahr darauf auf dem Campingplatz chancenlos. Sie spielte in der süddeutschen Länderauswahl, in der damaligen zweigleisigen Bundesliga Süd und siegte bei den Meisterschaften von Baden-Württemberg.
Danach begann sie mit Tennis, ruinierte sich die rechte Schulter, nahm den Schläger in die linke Hand und gewann die Stadtmeisterschaften. Das war Beate Sander.
„Macht eine Bilanz über euer Leben“
Selbst mit Blick auf ihr „finales Ende“ (O-Ton Sander) ging sie locker um. „Und wenn es andere dann so erwischt wie mich, dann macht eine Bilanz über euer Leben“, sagte sie. „Zeigt, was ihr als Aktiva an schönen Sachen gemacht habt und auf der Passiv-Seite nimmt man dann auch mal die Sachen gelassen hin, die passieren. Es nützt nichts, wenn man dann nur jammert.“
Beate Sander hinterlässt bis heute eine Lücke. Eine Frau, die bis zum Schluss kämpfte, arbeitete, lebte. Eine Frau, die nie aufgab. Eine Frau, die zeigte, was möglich ist, wenn man nur will.
Die Börsen-Oma ist tot. Aber ihre Bücher, ihre Strategien, ihre Geschichte leben weiter. Und mit ihnen die Erinnerung an eine außergewöhnliche Frau, die das Leben meisterte wie ein gutes Aktiendepot: Mit Mut, Disziplin und dem unbändigen Willen, das Beste daraus zu machen.
Liebe Frau Sander, es war schön und traurig zugleich, diese Erinnerung wieder aufleben lassen zu dürfen. Ruhen Sie weiterhin in Frieden.
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20 Kommentare
Die direkte Art der Börsen-Oma, auch in Bezug auf ihr eigenes Ableben, ist ein starkes Statement und ein Beispiel für Authentizität.
Die Tatsache, dass sie sich mit 82 Jahren noch so intensiv mit der Börse beschäftigte, ist ein inspirierendes Beispiel für lebenslanges Lernen und Leidenschaft.
Es ist bewundernswert, dass sie trotz des Krebses und der Schmerzen nie gejammert hat, sondern immer einen klaren Kopf bewahrt und direkt kommuniziert hat.
Die E-Mail mit dem Betreff „Neuer Oberschenkelhalsbruch – das ist wohl das Ende“ und der direkten Frage nach der Beerdigung ist unglaublich ergreifend und zeigt Beate Sanders außergewöhnliche Persönlichkeit.
Die Aussage, dass sie sich in ein neues Thema einarbeiten konnte, obwohl sie bereits von der Krankheit geplagt war, zeigt eine unglaubliche Willensstärke.
Ich finde es gut, dass der Artikel nicht nur ihre Erfolge, sondern auch ihre menschliche Seite und ihren Umgang mit Krankheit beleuchtet.
Es ist faszinierend, wie sie mit lediglich 30.000 Euro eine Million erreichte. Kann man ihre genaue Strategie noch nachlesen oder gibt es Zusammenfassungen ihrer Anlageprinzipien?
Ihre Finanzbücher, die in der Vitrine in ihrem Wohnzimmer standen, könnten hier eine gute Quelle sein, um mehr über ihre genaue Strategie zu erfahren.
Ich finde es sehr berührend, dass der Autor sich an das Gespräch mit ihr erinnert, als wäre es gestern gewesen, und die höllischen Schmerzen beschreibt, die sie erlitt.
Die Erwähnung, dass sie durch Vorträge und Interviews ihre Schmerzen vergaß, macht deutlich, wie viel ihr die Weitergabe ihres Börsenwissens bedeutete; es war mehr als nur ein Hobby.
Es ist schade, dass sie nicht mehr da ist, um ihre Expertise und ihren Humor mit uns zu teilen. Ihre Webinare und Interviews werden sicherlich fehlen.
Es ist bemerkenswert, wie Beate Sander trotz Krebs und starker Schmerzen bis kurz vor ihrem Tod aktiv blieb und sogar noch ein Webinar durchführte, um ihr Wissen weiterzugeben.
Mich wundert, dass sie nie über ihre Krankheit sprechen wollte, stattdessen immer auf das Thema Börse fokussierte. War das eine Art Bewältigungsmechanismus oder einfach ihre Art, das Leben zu leben?
Ich frage mich, ob die Börsen-Oma wusste, wie viele Menschen sie mit ihrer Geschichte motivieren würde, sich mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen.
Dass sie mit 82 Jahren noch einen Computer bediente und sich in neue Programme einarbeitete, inspiriert mich wirklich – ein Beweis für ihren Lebensmut und ihre Lernbereitschaft.
Die Tatsache, dass ihr Sohn Uwe ihr den Computer gekauft und installiert hat, unterstreicht die familiäre Unterstützung, die sie bei ihrer Leidenschaft erfahren hat.
Ich finde es sehr wichtig, dass sie sich speziell für die finanzielle Bildung von Frauen eingesetzt hat. Gibt es Initiativen, die an ihrem Werk anknüpfen?
Die Fokussierung des Artikels auf 30 Geschichten, die Mut machen, ist eine schöne Idee. Hat die Börsen-Oma auch andere Redakteure inspiriert?
Es scheint, dass sie bei FOCUS online einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, wie der Artikel zeigt.
Das Bild von ihrem unscheinbaren Haus in Ulm, im Gegensatz zu ihrem Ruf als ‚Börsen-Oma‘, ist sehr treffend und zeigt, dass Erfolg nicht immer mit äußerem Prunk einhergehen muss.