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(Neu: 14.000 Haushalte und 500 Gewerbekunden wieder angeschlossen)
BERLIN (dpa-AFX) – Zehntausende Menschen mitten im Winter ohne Strom, Heizung und warmes Essen, Dunkelheit und ein Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften: Der Anschlag auf die Berliner Stromversorgung vom Samstag hat für die Hauptstadt dramatische Folgen, die noch tagelang zu spüren sein werden. Einen Tag nach der Attacke auf wichtige Kabel nahe einem Kraftwerk im Berliner Südwesten steht für Politik und Behörden fest, dass es sich um einen politisch motivierten Anschlag handelt und Linksextremisten dahinterstehen.
Ein aufgetauchtes Bekennerschreiben einer „Vulkangruppe“ sei authentisch, teilte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) mit. Zuvor hatte der Staatsschutz der Polizei das Schreiben geprüft, das auch auf mehreren einschlägigen Webportalen veröffentlicht wurde. Gleichzeitig rief Berlin eine sogenannte Großschadenslage aus, um so leichter etwa Hilfe der Bundeswehr in Anspruch nehmen zu können.
Zweiter Anschlag binnen weniger Monate
„Es ist inakzeptabel, dass erneut offenkundig Linksextreme unser Stromnetz angreifen und damit Menschenleben gefährden“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zu dem Schreiben. „Wir werden massiv und ganz engagiert ermitteln, wer diese Täter sind, die verdienen eine wirklich gerechte Strafe.“ Erst im September 2025 hatte ein ähnlicher Anschlag einen großen Blackout im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick zur Folge.
Das lange Konvolut der mutmaßlichen Täter im aktuellen Fall trägt die Überschrift „Den Herrschenden den Saft abdrehen“. „In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört“, hieß es dort. Das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde sei „erfolgreich sabotiert“ worden. „Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft“, behauptet die Gruppe in dem Schreiben.
In Sichtweite des Kraftwerks hatte am frühen Samstagmorgen ein Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal mehr als ein Dutzend wichtige Leitungen beschädigt, darunter mehrere Hochspannungsleitungen. Nach Angaben der für Energie zuständigen Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) wurden Brandsätze direkt unter den Kabeln platziert, die mit großer Hitze die Leitungen zerstörten.
Zehntausende Haushalte ohne Strom
Von dem so ausgelösten Stromausfall waren zunächst 45.000 Haushalte und mehr als 2.200 Unternehmen betroffen. Inzwischen wurden 14.000 Haushalte und 500 Gewerbekunden wieder angeschlossen, wie Stromnetz Berlin am Abend mitteilte. Betroffen sind die Stadtteile Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde, in denen es viele Einfamilienhäuser und Villensiedlungen gibt, aber auch Hochhäuser. Die Polizei sucht mit einem Aufruf nach Zeugen.
Stromausfall voraussichtlich noch bis Donnerstag
Die Schäden am Stromnetz sind nach Angaben des Betreibers Stromnetz Berlin so schwerwiegend und die Reparatur so kompliziert, dass die Notlage außergewöhnlich lange dauern wird. Erst am Donnerstagnachmittag könnten voraussichtlich alle Stromkunden wieder versorgt werden.
Bei frostigen Temperaturen und reichlich Neuschnee stellt das viele Menschen vor erhebliche Probleme. Mehrere große Krankenhäuser in den Stadtteilen wurden zwar nach einem Tag wieder an das Stromnetz angeschlossen und mussten dank Notstromaggregaten nicht evakuiert werden.
Viele Alltagsprobleme für die Menschen
Vom Stromausfall sind aber auch zahlreiche Pflegeeinrichtungen und pflegebedürftige Menschen in ihren Wohnungen betroffen. Der Berliner Senat sei in enger Abstimmung unter anderem mit der Feuerwehr, um diese Menschen notfalls in Pflegeeinrichtungen in anderen Stadtteilen zu verlegen, die freie Kapazitäten gemeldet hätten, so Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD).
Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Feuerwehr richteten etwa in einem Freizeitzentrum oder im Rathaus Zehlendorf Notunterkünfte ein, in denen Menschen die Nacht verbringen, sich aufwärmen, etwas essen und trinken können. In der ersten Nacht wurden diese nach Angaben des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf nur von wenigen genutzt, darunter von einer 97 Jahre alten Rentnerin.
Auch Kirchengemeinden öffneten ihre Räume. Viele ältere oder gebrechliche Menschen können solche Angebote indes schon deshalb nicht nutzen, weil die Aufzüge in ihren Hochhäusern nicht funktionieren und sie in Wohnungen in zunehmender Kälte sitzen.
Handys aufladen
Wichtig ist für viele Leute, ihre Handys aufzuladen. Das können sie in den Notunterkünften, aber auch anderen dezentralen Anlaufpunkten, die etwa Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk eilig aufbauten. Dort kann man auch Notrufe absetzen. Internetempfang haben die meisten in den betroffenen Stadtteilen nicht.
Ebenfalls als Folge des Stromausfalls gab es erhebliche Störungen bei den S-Bahn-Linien 1 und 7. Eine Bahnsprecherin teilte am Abend mit, die S-Bahn-Linie 7 solle von 22.00 Uhr an am Sonntagabend wieder im 20-Minuten-Takt fahren. Der Regionalexpress 1 zwischen Potsdam und Berlin laufe seit etwa 18.30 Uhr wieder.
Etliche Supermärkte blieben am Samstag dicht, am Montag dürfte es nicht anders sein.
Schulen dicht
Im Gebiet ohne Strom bleiben von Montag bis zunächst einschließlich Mittwoch rund 20 Schulen geschlossen, wie die Bildungsverwaltung mitteilte. Bei dringendem Bedarf werde in Schulen mit Strom eine Notbetreuung für Schüler eingerichtet, hieß es.
Viele Menschen in Zehlendorf beschwerten sich im Gespräch mit einem dpa-Reporter über mangelnde Informationen und aus ihrer Sicht zu wenige praktische Alltagshilfen. „Man ist abgeschnitten von der Welt“, sagte etwa eine Frau, in deren Wohnung die Temperatur bereits auf 14 Grad abgesunken sei.
Es gibt aber auch viele Beispiele von Nachbarschaftshilfe oder andere Unterstützung. So bedankte sich die Leitung des Diakonie-Hospizes Wannsee, dass Feuerwehrleute ohne Wenn und Aber dabei geholfen hätten, die Bewohner in ein Krankenhaus in der Nähe zu bringen, das Hilfe angeboten habe. Dort könnten die Menschen weiter vom Hospizteam betreut werden./kr/ane/nif/DP/zb
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23 Kommentare
Die Tatsache, dass die „Vulkangruppe“ ihre Bekennung auf einschlägigen Webportalen veröffentlicht hat, deutet auf eine gewisse Affinität zu Online-Radikalisierung hin. Wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken?
Die Behauptung der „Vulkangruppe“, dass Stromausfälle *nicht* das Ziel waren, sondern die fossile Energiewirtschaft, finde ich zynisch. 45.000 Haushalte und über 2.200 Unternehmen ohne Strom zu lassen, ist eine massive Gefährdung von Menschenleben und eine unverantwortliche Methode des Protests.
Es ist beunruhigend, dass ein Angriff auf die Energieversorgung im Winter stattfindet, wenn die Abhängigkeit von Strom und Heizung besonders groß ist. Wurde die Wechselwirkung zwischen Jahreszeit und Schadenspotenzial berücksichtigt?
Es ist schockierend, dass nach dem Vorfall im September 2025 bereits ein zweiter Anschlag auf das Berliner Stromnetz stattfand. Das deutet auf eine erhebliche Schwachstelle in der Sicherheit hin, die dringend behoben werden muss.
Der Vergleich mit dem Vorfall in Treptow-Köpenick im September 2025 zeigt, dass die Angriffe auf das Stromnetz in Berlin offenbar eine Serie darstellen. Gibt es Hinweise auf eine Verbindung zwischen den Tätern beider Anschläge?
Die Ausrufung der Großschadenslage, um potenziell die Bundeswehr hinzuziehen zu können, zeigt die Schwere der Situation. Ist das ein Präzedenzfall für zukünftige Anschläge oder ähnliche Notfälle?
Das Motiv der Täter, in dem Bekennerschreiben als Ablehnung der „Gier nach Energie“ dargestellt, ist zwar nachvollziehbar, rechtfertigt aber in keiner Weise die Gefährdung von Menschenleben und die Beschädigung kritischer Infrastruktur. Wie kann man mit diesen radikalen Überzeugungen konstruktiv umgehen?
Die Politik muss sich dringend mit den Hintergründen und Motiven dieser extremistischen Gruppen auseinandersetzen, um präventive Maßnahmen zu entwickeln und weitere Anschläge zu verhindern.
Die Begründung der Gruppe, dass Stromausfälle nicht das Ziel waren, ist unglaubwürdig, wenn man bedenkt, dass sie wichtige Hochspannungsleitungen beschädigt haben. Das ist reine Schadensbegrenzung.
Betroffen sind laut Artikel Stadtteile mit vielen Einfamilienhäusern und Villensiedlungen, aber auch Hochhäuser. Das wirft Fragen nach der gleichmäßigen Verteilung der Sicherheitsvorkehrungen auf.
Der Aufruf der Polizei nach Zeugen ist wichtig, aber angesichts der frühen Stunde des Brandes am Teltowkanal erscheint die Wahrscheinlichkeit, dass Augenzeugen gefunden werden, gering. Welche anderen Ermittlungsansätze werden verfolgt?
Die Aussage von Bürgermeister Wegner, dass die Täter eine „gerechte Strafe“ verdienen, ist verständlich, aber es sollte auch darauf geachtet werden, dass die Ermittlungen fair und transparent durchgeführt werden.
Die Tatsache, dass Brandsätze direkt unter den Kabeln platziert wurden, wie Senatorin Giffey mitteilte, zeigt eine gezielte und gefährliche Vorbereitung der Tat. Wie konnte das unbemerkt bleiben?
Könnte diese Anschlagsserie ein Versuch sein, die Bevölkerung zu verunsichern und das Vertrauen in die staatliche Infrastruktur zu untergraben?
Die Erwähnung der Villensiedlungen und Einfamilienhäuser in den betroffenen Stadtteilen lässt vermuten, dass auch wohlhabende Bürger direkt von den Folgen des Anschlags betroffen sind. Wird dies Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung haben?
Die Beschreibung der Brandursache – Brandsätze unter den Kabeln – lässt auf eine sorgfältige Planung schließen. Das wirft die Frage auf, wer die Gruppe finanziert und unterstützt.
Es ist alarmierend, dass die Reparatur so kompliziert ist, obwohl es sich um wichtige Leitungen handelt. Wurde in der Vergangenheit zu wenig in die Instandhaltung und Modernisierung des Stromnetzes investiert?
Die Aussage der Innensenatorin Spranger, dass das Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ authentisch sei, ist besorgniserregend. Es stellt sich die Frage, wie diese Gruppe ihre Anschläge so gut planen und durchführen kann, ohne vorherige Entdeckung.
Es ist gut, dass bereits 14.000 Haushalte und 500 Gewerbekunden wieder an das Stromnetz angeschlossen werden konnten, aber die Prognose, dass die Notlage bis Donnerstag andauert, ist frustrierend für die Betroffenen. Welche konkreten Maßnahmen werden ergriffen, um die Reparaturen zu beschleunigen?
Ich frage mich, ob die Sicherheitsmaßnahmen an den Kraftwerken und Kabelanlagen ausreichend sind, um zukünftige Anschläge zu verhindern. Die Vergangenheit zeigt, dass Verbesserungsbedarf besteht.
Die Formulierung „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ im Schreiben ist besorgniserregend, da sie eine klar antidemokratische Haltung erkennen lässt. Wie beurteilt die Polizei die Gefährlichkeit dieser Gruppe im Kontext der politischen Landschaft?
Ich wohne in der Nähe von Lichterfelde und bin schockiert, dass ein solches Attentat in unserer Stadt passieren konnte. Hoffentlich werden die Täter schnell gefasst und zur Rechenschaft gezogen.
Die Schadensbehebung, die voraussichtlich bis Donnerstag dauert, könnte erhebliche Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft haben. Wird eine Entschädigung für die betroffenen Unternehmen in Erwägung gezogen?