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Der Krieg zwischen den USA und dem Iran lässt die globalen Ölreserven auf historische Tiefstände sinken – während der Preis für Brent und WTI binnen Wochen zwischen 70 und über 100 Dollar pendelte. Analysten warnen: Ohne belastbare Waffenruhe drohen Anlegern und Verbrauchern spürbar höhere Energiekosten.

Für dich zusammengefasst:

Erneut schlagen US-Bomben im Iran ein, erneut attackiert Teheran US-Basen am Golf mit Raketen. Auch die Straße von Hormus war zeitweise wieder für den Ölhandel blockiert, während die Huthi-Rebellen im Roten Meer drohen, Saudi-Arabiens alternative Exportroute zu stören. Zugleich versuchen die Industrieländer, die Märkte mit Verkäufen aus ihren strategischen Reserven zu stabilisieren. Die zentrale Frage für Anleger lautet: Wie lange können die Industriestaaten eine Blockade von Hormus noch abfedern und wie lange reichen die Ölreserven wirklich?

Volatiler Sommer: Von 70 auf über 100 Dollar (Dollarkurs) und zurück

Der Preisverlauf der vergangenen Wochen zeigt die Nervosität des Marktes deutlich. Nach einer Waffenruhe zwischen Iran und den USA war der Preis für WTI zeitweise bis in die 70-Dollar-Region gefallen. Mit der erneuten Eskalation Anfang Juli kletterte Brent bis Ende der vergangenen Woche wieder über die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar je Barrel. Am vergangenen Wochenende stellten die USA ihre Angriffsserie – nach eigenen Angaben 13 Nächte in Folge – zunächst ein. Seither geben die Notierungen spürbar nach: Am Dienstag, den 28. Juli, kostete ein Barrel Brent rund 87 Dollar, WTI notierte bei etwa 82 Dollar – ein Rückgang von rund vier Prozent binnen eines Tages. Grund für die Entspannung sind Signale einer möglichen Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Washington und Teheran, nachdem Irans Chefdiplomat Abbas Araghchi Gespräche mit Saudi-Arabien und Oman über die Sicherheit der Straße von Hormus geführt hatte.

Wie schnell sich das Bild jedoch wieder drehen kann, zeigt der Blick auf den bisherigen Jahresverlauf: Im Frühjahr, unmittelbar nach Ausbruch des Konflikts Ende Februar, waren beide Sorten zeitweise bis auf rund 119 Dollar gesprungen, was der höchste Stand seit 2022 war. Wer die Entwicklung von Brent und WTI im Portfolio berücksichtigt, sollte sich auf weiterhin hohe Schwankungsbreiten einstellen.

US-Reserve auf dem niedrigsten Stand seit 1983

Die strategischen Öllager der Industriestaaten schrumpfen unterdessen in einem historisch beispiellosen Tempo. In den USA liegen die Bestände inzwischen so niedrig wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Die dafür vorgesehene Infrastruktur der Strategic Petroleum Reserve (SPR) kann theoretisch 714 Millionen Barrel fassen. Bei einem US-Tagesverbrauch von rund 20 Millionen Barrel würde die Reserve den nationalen Bedarf rechnerisch etwa einen Monat lang decken. Praktisch ist die Anlage jedoch nicht auf einen derart schnellen Abfluss ausgelegt und könnte wohl nur rund 20 Prozent des täglichen US-Bedarfs zusätzlich bereitstellen.

Bereits unter der Vorgängerregierung hatte Washington wegen des Ukraine-Kriegs große Bestände verkauft. Nach kurzer Erholung ab Ende 2023 beschleunigte der Iran-Krieg den Abverkauf erneut. Der aktuelle Füllstand liegt bei etwa 44 Prozent der einstigen Kapazität. In den vergangenen zwei Monaten verkaufte die US-Reserve zwischen acht und zehn Millionen Barrel pro Woche – der schnellste Rückgang in der US-Geschichte. Hinzu kommt: Ein Teil des verbleibenden Öls, im Fachjargon „Tank Bottoms“ genannt, gilt wegen Ablagerungen am Tankboden als qualitativ minderwertig und ist ohnehin kaum nutzbar.

Wie viel die USA noch aus ihren Beständen mobilisieren können, sei kaum seriös zu beziffern, sagt UBS-Rohstoffanalyst Giovanni Staunovo. Ob die Verkäufe kurzfristig in diesem Tempo weitergehen, hänge stark von der weiteren Preisentwicklung ab.

China hält die größte Gesamtreserve der Welt

Neben den USA verfügen vor allem China und Japan über umfangreiche Lagerbestände. Offizielle Zahlen aus Peking gibt es nicht, das US-Energieministerium bezifferte Chinas staatliche Reserven vor Kriegsbeginn jedoch auf knapp 360 Millionen Barrel. Rechnet man die kommerziellen Lager der chinesischen Privatwirtschaft hinzu, die die staatlichen Bestände deutlich übersteigen, hält China nach US-Angaben noch vor den europäischen OECD-Staaten, Saudi-Arabien und Südkorea, inzwischen die größte Gesamtreserve der Welt.

Analyst Staunovo erklärt den chinesischen Vorratsaufbau mit den Erfahrungen aus Donald Trumps erster Amtszeit und dem damaligen Handelskonflikt: Das US-Eingreifen in Venezuela, von dessen Ölexporten China einer der größten Abnehmer war, habe den Aufbau zusätzlich beschleunigt. Seit Ausbruch des aktuellen Iran-Kriegs hat Peking seine Importe spürbar gedrosselt. So liegen diese aktuell etwa bei sieben Millionen Barrel pro Tag. Zuvor waren es noch um die zwölf Millionen Barrel. Ein Teil davon dürfte aus der eigenen Reserve stammen, ein Teil aus geringerer Nachfrage der petrochemischen Industrie. Diese Entwicklung sei jedoch nicht beliebig fortsetzbar, so Staunovo.

Deutschlands freigegebene Menge bereits verbraucht

Deutschland hatte zusammen mit anderen Industriestaaten im März angekündigt, 20 Prozent seiner Reserve an den Markt zu bringen. Diese Menge war bereits im Juni vollständig aufgebraucht. Zusätzlich reagierte die Bundesregierung mit politischen Eingriffen: einer Begrenzung der Preisgestaltung an Tankstellen sowie dem umstrittenen Tankrabatt. Weltweit senkte rund ein Drittel der Staaten Steuern oder beschloss Energiesparmaßnahmen, ein Sechstel setzte auf Subventionen oder Preisdeckel. 16 Prozent der Staaten stützten ihre Wirtschaft mit direkten Subventionen, zwölf Prozent führten Preisobergrenzen für Benzin, Diesel oder Kerosin ein. Ob diese Maßnahmen die Lage tatsächlich verbessert haben, werde sich laut Staunovo vermutlich erst in einigen Jahren zeigen – insbesondere weil die Qualität der Ölnachfragedaten in Schwellenländern oft ungenau sei.

Noch keine Nachfragezerstörung – aber eine unsichere Schwelle

Auch in den USA gibt die aktuelle Preislage bislang wenig Anlass zur Sorge um die Konjunktur. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern bleibt die Reisenachfrage robust: Fluggesellschaften konnten zuletzt mehrere Preiserhöhungen in Folge durchsetzen, ohne einen spürbaren Nachfragerückgang zu verzeichnen. Frühere Belastungsschwellen für die Finanzmärkte lagen laut Marktstrategen historisch eher im Bereich von 110 Dollar je Barrel. 

Wie lange die Welt noch von ihren Reserven zehren kann, falls die Straße von Hormus erneut dauerhaft blockiert würde, sei schwer zu beziffern, räumt Staunovo ein: „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es bis Ende des Jahres so weitergeht, ohne dass der Preis deutlich ansteigt.“ Eine harte Grenze, an der die Reserven plötzlich ausgingen, gebe es nicht. Stattdessen werde ein steigender Preis die Nachfrage drosseln, bevor es zu einem physischen Engpass komme. Beim aktuellen Preisniveau sei jedoch noch keine Veränderung der Nachfragesituation erkennbar. Der Preis müsste deutlich höher notieren, um eine echte Anpassung in der Industrie zu erzwingen.

Betroffene Branchen und regionale Risiken

Sollte der Ölpreis dennoch weiter steigen, dürften vor allem Unternehmen der Petrochemie leiden, die Rohöl als Grundstoff benötigen. Auch kraftstoffintensive Branchen wie Landwirtschaft und Logistik wären von steigenden Kosten betroffen. Laut Marktanalysen entfallen rund 20 Prozent der weltweiten Öl-, LNG- und Heliumlieferungen sowie 16 Prozent der globalen Aluminiumoxid- und 15 Prozent der Petrochemikalien-Transporte auf die Straße von Hormus.

Für Anleger mit Engagement in südost- und ostasiatischen Märkten ist zudem die regionale Abhängigkeit von Golf-Importen relevant: Während Europa nur einen einstelligen Prozentsatz seines Rohöls aus der Golfregion bezieht, führen Länder wie die Philippinen, Vietnam und Japan mehr als drei Viertel ihrer Ölimporte von dort ein. Zusätzliche Unsicherheit bringen Angriffe der Huthi-Rebellen auf saudische Tanker im Roten Meer sowie ukrainische Angriffe auf russische Raffineriekapazitäten, die nach Marktberichten mehr als die Hälfte der russischen Verarbeitungskapazität lahmgelegt haben.

Was Anleger im Blick behalten sollten

Die Kombination aus historisch niedrigen strategischen Reserven, einem fragilen diplomatischen Prozess und weiterhin hoher Volatilität bei Brent und WTI macht den Ölmarkt zu einem der zentralen Risikofaktoren für die zweite Jahreshälfte 2026. Sollte die aktuelle Gesprächsbereitschaft zwischen Washington und Teheran tragfähig werden, dürfte sich der jüngste Preisrückgang fortsetzen. Scheitern die Verhandlungen erneut, könnten die ohnehin knappen Reservepuffer der Industriestaaten schneller an ihre Grenzen stoßen als in früheren Krisen.

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5 Kommentare

  1. Interesting update on Wie lange reicht der weltweite Öl-Puffer noch? Reserven schmelzen schneller als je zuvor. Looking forward to seeing how this develops.

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