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Ein Post, ein Satz, ein Angriff – und die Märkte reagieren. Donald Trump greift immer direkter in Wirtschaft, Zinsen und Unternehmen ein. Ökonomen sprechen von Staatskapitalismus – und ziehen Parallelen zu China.

Wenn Donald Trump heute wirtschaftspolitische Ankündigungen macht, reicht oft ein Social-Media-Post, um Milliardenwerte zu bewegen. Aktien fallen, Kredite werden günstiger, weil Anleger auf staatliche Eingriffe und sinkende Zinsen wetten, und Geschäftsmodelle geraten unter Druck.

Staatskapitalismus in den USA? 

Was früher Aufgabe von Märkten, Notenbanken oder Regulierungsbehörden war, scheint zunehmend im direkten Zugriff des Präsidenten zu liegen. In amerikanischen Vorstandsetagen kursiert dafür ein Wort, das lange als Fremdkörper galt: Staatskapitalismus. Erste Ökonomen ziehen bereits Parallelen zu Chinas Machthaber Xi Jinping.

Die „Financial Times“ spricht von der interventionistischsten Wirtschaftspolitik eines US-Präsidenten der jüngeren Geschichte. Neu ist dabei nicht, dass der Staat eingreift. Neu ist, wie direkt, persönlich, unberechenbar und in welchem Ausmaß dies geschieht – und wie stark Unternehmen ihre Entscheidungen inzwischen darauf ausrichten, politischen Ärger zu vermeiden.

Trump attackiert Rüstungskonzerne: Wenn Dividenden politisch werden

Ein Beispiel, das Investoren und Unternehmenslenker besonders aufhorchen ließ, war Trumps Vorstoß gegen hohe Dividenden und Aktienrückkäufe von Rüstungsunternehmen. Seine Forderung: weniger Ausschüttungen, mehr Investitionen in Produktionskapazitäten.

Trumps Logik dahinter ist leicht verständlich: Nationale Sicherheit geht vor Aktionärsrendite. Für Unternehmen und Anleger bedeutet sie dennoch einen Tabubruch. Denn damit greift der Präsident unmittelbar in die Kapitalverwendung privater Konzerne ein. Der Staat tritt nicht mehr nur als Regulierer auf, sondern als faktischer Mitentscheider darüber, was Unternehmen mit ihrem Geld tun dürfen.

Kreditkarten, Immobilien, Hypotheken – und die Attacken auf die Fed

Ähnlich gelagert ist Trumps Forderung nach einer Obergrenze für Kreditkartenzinsen. Für Millionen hochverschuldeter Haushalte klingt das wie ein Schutzversprechen. Für Banken und Zahlungsdienstleister ist es ein staatlich verordneter Preiseingriff. Entsprechend heftig reagierten die Börsen.

Hinzu kommen wiederholte verbale Angriffe auf die US-Notenbank. Trump attackierte Fed-Chef Jerome Powell öffentlich und stellte die Unabhängigkeit der Federal Reserve infrage. Jamie Dimon, CEO der größten US-Bank JPMorgan Chase, warnte daraufhin in der „Financial Times“, solche Angriffe könnten „zu einem Anstieg der Zinssätze und der Inflation führen“.

Trumps Botschaft an die Märkte ist jedenfalls eindeutig: Selbst die Notenbank ist kein unangreifbares Bollwerk mehr.

Auch der Immobilienmarkt geriet ins Visier des Präsidenten. Als Trump drohte, institutionellen Investoren den Kauf von Einfamilienhäusern zu verbieten, brachen die Kurse von Bau- und Immobilienunternehmen ein. Sein Ziel: mehr Wohnraum für private Käufer. Sein Mittel: politische Umverteilung von Eigentumschancen.

Selbst der Elf-Billionen-Dollar-Markt für Hypothekenanleihen blieb von Trump nicht verschont. Ein einzelnes Posting des Präsidenten genügte, um Kreditkosten zu drücken. Und die Marktteilnehmer lernen: Preise entstehen nicht mehr nur aus Angebot und Nachfrage, sondern auch aus politischer Laune.

Washington wird Investor

Parallel dazu baut der US-Staat seine Rolle als Eigentümer aus. Die US-Regierung stieg bei Schlüsselunternehmen ein – etwa beim Chipkonzern Intel oder in der Rohstoff- und Kernenergiebranche. Hinzu kommt eine sogenannte „goldene Aktie“ beim Stahlkonzern US Steel, die der Regierung Vetorechte bei Standort- oder Arbeitsplatzentscheidungen einräumt.

Solche Instrumente kennt man auch aus Europa. Für die USA galten sie jedoch lange als Ausnahme. „Erlaubt“ waren sie bislang nur in akuten Krisen wie der Finanzkrise 2008. Damals griff der Staat ein, um einen Kollaps des Systems zu verhindern. Heute fehlt es jedoch an so einem Notfall. Kritiker sprechen von vorsorglichen, selektiven Eingriffen, die zwar strategisch von Trump begründet werden, deren Logik jedoch oft unklar bleibt.

„MAGA ist maoistisch geworden. Das ist Staatskapitalismus“

Der Yale-Professor Jeffrey Sonnenfeld formulierte es gegenüber der „Financial Times“ drastischer: „MAGA ist maoistisch geworden. Das ist Staatskapitalismus. Das ist nicht im Entferntesten konservativ.“

Offener Widerstand aus der Wirtschaft bleibt dennoch selten. Ein CEO-Berater, sagte anonym der „Financial Times“ der Schlüssel liege darin, wie man es macht. Man müsse „einen klugen Weg finden, als CEO zu agieren und die Interessen seines Unternehmens und seiner Branche zu verteidigen – ohne den Präsidenten zu verärgern“.

Ein hochrangiger Banker ergänzt: „Dieses Jahr wird bis zu den Zwischenwahlen im November sehr turbulent werden.“ Es werde „das aktivistischste Jahr seiner Präsidentschaft“, und man sei darauf vorbereitet.

Warum der Blick nach China führt

Weitere Eingriffe in die US-Wirtschaft gelten 2026 also als sehr wahrscheinlich. Diese Art von Politik führt zwangsläufig zum Vergleich mit Peking. Unter Xi greift der Staat seit Jahren massiv in die Wirtschaft ein – über Staatsunternehmen, Kreditlenkung, Regulierung und politische Kampagnen gegen private Konzerne wie etwa Alibaba, Chinas größtem Online-Handels- und Technologiekonzern. Chinas Staatskapitalismus ist jedoch kein improvisiertes Produkt, wie es bei dem Vorgehen Trumps den Anschein hat, sondern ist historisch gewachsen.

Die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik von der Universität Wien beschreibt China gegenüber FOCUS online als klassische Hybridwirtschaft: „Die chinesische Wirtschaft hat im 20. Jahrhundert und darüber hinaus stets am besten als Hybridwirtschaft funktioniert.“ Staatliche und private Unternehmen koexistierten, Märkte und Planung griffen ineinander.

Seit Xi Jinping werde jedoch der staatliche Faktor bewusst wieder gestärkt. Private Unternehmen würden nicht enteignet, „sondern ökonomisch sterben gelassen“, etwa durch Kreditentzug oder Regulierung – sichtbar etwa in der Immobilienkrise oder bei kleinen Betrieben.

Gemeinsamkeiten – und ein entscheidender Unterschied

Mit Blick auf Trump zeigen sich durchaus Parallelen: In beiden Ländern ordnet der Staat wirtschaftliche Entscheidungen politischen Zielen unter. Nationale Sicherheit spielt eine zentrale Rolle. Und der Einfluss informeller Macht – politischer Signale statt klarer Regeln – wächst.

Der Unterschied ist jedoch grundlegend. Für China sei Staatskapitalismus „ein Entwicklungsmodell und nicht eine zeitweilige Maßnahme“, betont Weigelin-Schwiedrzik. Die Wirtschaftsordnung beruhe auf „der prekären Position des Privateigentums“, während der Staat als „Gesamtbesitzer allen Grund und Bodens“ fungiere.

Zwar griffen auch westliche Marktwirtschaften in Krisenzeiten stärker ein. „In Zeiten der Krise hybridisiert auch der Kapitalismus“, sagt Weigelin-Schwiedrzik – ein historisch gut belegtes Muster. Doch in Ländern wie den USA bleibe selbst ein interventionistischer Kurs an den Fortbestand des Privateigentums gebunden. In China hingegen sei „die Grundlage des hybriden Systems die strukturell unsichere Stellung von privatem Besitz und die führende Rolle des Staatseigentums“.

„USA haben jahrzehntelang andere Länder für Staatskapitalismus gerügt“

Der Einsatz solcher Instrumente, wie Trump sie aktuell nutzt, verlaufe in der Regel nur in eine Richtung, sagte Aaron Bartnick, früherer Beamter im Weißen Haus, zu „Business Insider“. Seine Regierung habe „einen neuen Werkzeugkasten wirtschaftspolitischer Mittel eingeführt“, und jede folgende Regierung werde in Versuchung geraten, ihn weiter zu nutzen.

Scott Lincicome vom libertären Thinktank Cato Institute spricht in diesem Zusammenhang laut „Business Insider“ von einer bemerkenswerten Kehrtwende: Die USA hätten jahrzehntelang andere Länder für Staatskapitalismus gerügt – nun sei „die Heuchelei ziemlich groß“. Und Scott Kennedy vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnt: Häufige Eingriffe könnten unternehmerische Entscheidungen langfristig „verzerren“.

Trumps Methoden: Kein chinesisches Modell, aber ein klarer Bruch

Trumps Wirtschaftspolitik ist nicht das chinesische Modell. Aber sie entfernt sich zunehmend vom klassischen amerikanischen Laissez-faire-Kapitalismus. Der Staat wird Investor, Preissetzer, Machtfaktor. Für Verbraucher kann das kurzfristig Entlastung bringen. Für Unternehmen und Investoren wächst die Unsicherheit. Und das wiederum hat Folgen für Investitionen, Innovation und Wachstum.

Staatskapitalismus ist also längst kein fernöstliches Phänomen mehr. Er ist zu einem globalen Werkzeugkasten geworden. Die offene Frage lautet nicht mehr, ob er genutzt wird – sondern wie dauerhaft und nach welchen Regeln.

Thomas Sabin

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22 Kommentare

  1. Ich befürchte, dass die Unsicherheit, die durch Trumps Politik entsteht, langfristig zu einem Rückgang der Investitionen führen wird. Wer investiert schon, wenn die Regeln ständig geändert werden?

  2. Die Tatsache, dass Trump die Unabhängigkeit der Federal Reserve in Frage stellt, ist ein gefährliches Signal. Eine unabhängige Zentralbank ist doch essentiell für die Stabilität der Wirtschaft.

  3. Es ist bemerkenswert, wie schnell sich die Märkte an Trumps unberechenbare Aktionen anpassen. Die Erwartungshaltung für staatliche Eingriffe scheint enorm geworden zu sein.

  4. Peter Schneider am

    Ich bin gespannt, ob Trumps Politik tatsächlich zu mehr Investitionen in Produktionskapazitäten bei Rüstungsunternehmen führt, oder ob es sich nur um eine leere Versprechung handelt.

  5. Die Reaktion der Börsen auf Trumps Drohungen im Immobiliensektor zeigt, wie sensibel die Märkte auf politische Risiken reagieren. Das ist ein klares Warnsignal.

  6. Es ist ein interessanter Widerspruch, dass Trump, der sich als Verfechter des freien Marktes präsentiert, nun so stark in die Wirtschaft eingreift. Was hat sich da geändert?

  7. Mich wundert, dass Jamie Dimon von JPMorgan Chase einen Anstieg der Zinssätze und Inflation als Folge von Trumps Angriffen auf die Fed warnt. Das zeigt, wie ernst die Situation für die Finanzindustrie ist.

  8. Laura Y. Schneider am

    Die Entwicklung, dass selbst die Notenbank nicht mehr unangreifbar ist, ist ein deutliches Zeichen für die Erosion traditioneller Institutionen.

  9. Die Vorstellung, dass ein einziger Social-Media-Post von Trump Milliardenwerte bewegen kann, ist fast schon surreal. Das unterstreicht die enorme Macht, die er über die Märkte ausübt.

  10. Die Angriffe auf die Fed und die Forderung nach niedrigeren Zinsen erinnern an eine direkte Beeinflussung der Geldpolitik. Das ist doch eigentlich die Aufgabe der Notenbank.

  11. Die Forderung nach einer Obergrenze für Kreditkartenzinsen klingt zunächst nach Verbraucherschutz, aber ist es wirklich sinnvoll, staatlich Preise festzulegen? Das könnte zu unerwünschten Nebeneffekten führen.

  12. Hans Y. Wagner am

    Die ‚Financial Times‘ bezeichnet Trumps Wirtschaftspolitik als die interventionistischste in der jüngeren Geschichte der USA. Das ist eine klare Aussage und deutet auf eine fundamentale Veränderung hin.

  13. Peter Schäfer am

    Ich finde es wichtig, dass die ‚Financial Times‘ diese Entwicklung kritisch beleuchtet. Eine unabhängige Berichterstattung ist entscheidend, um die Auswirkungen von Trumps Politik zu verstehen.

  14. Die Tatsache, dass Unternehmen nun ‚politischen Ärger‘ vermeiden wollen, deutet auf eine zunehmende Politisierung der Wirtschaft hin. Das ist ein besorgniserregender Trend.

  15. Es ist faszinierend, wie Trump die öffentliche Meinung nutzen kann, um wirtschaftliche Ziele zu verfolgen. Die Betonung der ’nationalen Sicherheit‘ ist dabei ein wirksames Instrument.

  16. Die Beschreibung des ‚Staatskapitalismus‘ in den USA ist treffend. Es scheint, als ob die traditionellen Rollen von Markt und Staat zunehmend verschwimmen.

  17. Lukas P. Becker am

    Es ist beunruhigend, dass Unternehmen ihre Entscheidungen nun primär darauf ausrichten, ‚politischen Ärger zu vermeiden‘, wie im Artikel beschrieben. Das verzerrt doch die freie Marktwirtschaft enorm.

  18. Die Drohung gegen institutionelle Investoren, den Kauf von Einfamilienhäusern zu verbieten, scheint mir ein populistischer Schachzug zu sein. Ob das wirklich die Wohnraumproblematik löst, bezweifle ich.

  19. Die Parallelen zu Chinas Xi Jinping, die der Artikel zieht, sind beängstigend. Eine solche Konzentration von Macht in den Händen eines Einzelnen ist doch nicht wünschenswert.

  20. Die Fokussierung auf ’nationale Sicherheit‘ als Rechtfertigung für wirtschaftliche Eingriffe könnte ein gefährlicher Präzedenzfall sein. Wo ziehen wir die Grenze?

  21. Ich frage mich, wie nachhaltig diese Politik ist. Wenn der Staat so massiv in die Kapitalverwendung privater Unternehmen eingreift, könnte das langfristig Innovationen und Wachstum hemmen.

  22. Die Behauptung, Trump handle wie Xi Jinping, ist stark. Aber die direkte Einflussnahme auf Rüstungsunternehmen, indem er weniger Ausschüttungen und mehr Investitionen fordert, erinnert tatsächlich an Chinas staatliche Lenkung von Industrien.

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