Der an der Euronext Paris notierte Kunstmarkt-Datenanbieter Artmarket.com hat eine grundlegende Neuausrichtung seiner Technologiestrategie bekannt gegeben. Statt die eigenen KI-Bausteine schrittweise in die bestehenden Artprice-Datenbanken einzubauen, setzt das Unternehmen auf einen vollständigen Umbau der Architektur, die intern als „AI-First“ bezeichnet wird. Der Verwaltungsrat habe die dafür nötige strategische Überprüfung genehmigt. Zur Geschäftsentwicklung im zweiten Quartal 2026 sprach das Unternehmen von einem anhaltenden Aufwärtstrend, nannte in der Mitteilung jedoch keine konkreten Umsatz- oder Ergebniszahlen.
Gründerfamilie will Anteil erhöhen
Parallel zur Strategiemitteilung kündigten Gründer und Vorstandschef Thierry Ehrmann, seine Familie sowie der Mehrheitsaktionär Groupe Serveur an, zusätzliche Artmarket.com-Aktien zu erwerben und damit ihre Beteiligung aufzustocken. Die Käufe sollen „in Kürze“ erfolgen; die erforderlichen Meldungen an die französische Finanzmarktaufsicht AMF würden innerhalb der gesetzlichen Fristen und in den zulässigen Handelszeitfenstern veröffentlicht. Groupe Serveur wurde 1987 gegründet, Artmarket und seine Abteilung Artprice entstanden 1997. Laut der letzten TPI-Analyse zählt das Unternehmen mehr als 18.000 Privataktionäre, ohne ausländische Anteilseigner, Gesellschaften, Banken und Fonds. In Stuttgart wurde die Aktie am 12. August mit 2,63 Euro festgestellt.
Zeitplan verschiebt sich, Finanzplanung laut Unternehmen nicht
Die ursprüngliche Strategie sah einen langsamen, erklärenden Rollout einzelner KI-Module innerhalb der historischen Datenbestände vor. Nach Darstellung des Unternehmens habe dieses Vorgehen jedoch die Wahrnehmung des Technologiewechsels im Markt zersplittert und operative Inkonsistenzen riskiert. Die Entscheidung für den kompletten Umbau bedeute eine Anpassung des öffentlichen Einführungszeitplans, nach Unternehmensangaben ohne Auswirkung auf die finanzielle Entwicklung. Das Umfeld beschreibt Artmarket.com als komplex, mit erhöhten geopolitischen Spannungen und schwankenden Energiekosten; der Umsatz von Artprice wachse weiter stetig.
Der Umbau läuft in zwei Phasen. Zunächst werden Mitarbeiter, Abteilungen und Produktionseinheiten mit eigener KI-Hardware und Edge-Einheiten ausgerüstet, bevor externe Nutzer Zugriff erhalten. Die Pipelines für Datenerfassung, Standardisierung und Anreicherung würden dabei vollständig neu geschrieben. Erst wenn diese interne Wertschöpfungskette kalibriert sei, soll die Plattform für Abonnenten freigegeben werden – nicht als Stapel einzelner Module, sondern als geschlossene Umgebung.
Zwei Eigenentwicklungen: Intuitive Art Market und Blind Spot
Im Zentrum stehen zwei hauseigene vertikale KI-Systeme – also KI, die auf einen einzelnen Fachbereich zugeschnitten ist. „Intuitive Art Market“ und „Blind Spot“ befinden sich derzeit im Beta-Test. Blind Spot war ursprünglich als Modell zur Berechnung von Preislücken zwischen zwei öffentlichen Auktionen konzipiert. Als Beispiel nennt das Unternehmen ein Werk von Jackson Pollock, das 1998 für vier Millionen US-Dollar und 2026 für 58 Millionen US-Dollar zugeschlagen wurde. Inzwischen soll das System breiter eingesetzt werden: zur Prüfung, ob die Zahl zugeschriebener Werke zur dokumentierten Biografie eines Künstlers passt, zur Analyse exogener Ursachen für Aktivitätseinbrüche in einzelnen Märkten, für Empfehlungen über Stilgrenzen hinweg sowie zur Erklärung saisonaler Erfassungslücken anhand kultureller und religiöser Kalender.
Für die Nutzerführung nennt Artmarket.com mehrere Anforderungen: Die KI soll die Fachterminologie beherrschen und in mehr als vierzig Sprachen arbeiten, ohne Werktitel zu übersetzen – ein Grundsatz der Kunstgeschichte, den das Unternehmen als nicht verhandelbar bezeichnet. Bereits beim ersten Prompt in natürlicher Sprache sollen passende Anschlussfragen vorgeschlagen werden. Das Abonnement wird mit 1.600 bis 2.500 US-Dollar pro Jahr angegeben.
Datenbasis und US-Expansion
Als Fundament verweist das Unternehmen auf rund 180 miteinander verbundene eigene Datenbanken, über 30 Millionen Indizes und Auktionsergebnisse zu mehr als 915.300 Künstlern, 181 Millionen digitale Bilder sowie eine Sammlung von Manuskripten und Auktionskatalogen ab 1700. Die Datenbestände würden fortlaufend aus 7.200 Auktionshäusern gespeist, mit denen vertragliche Vereinbarungen bestehen. Für die Datenerfassung setzt Artmarket.com deterministische Software-Agenten ein, für die Vertriebsansprache in den USA probabilistische Agenten. Der US-Markt gilt dem Unternehmen als wichtigster Kunstmarkt weltweit; unterstützt werden soll die Expansion durch die eigene Nachrichtenagentur Artprice News. Die Marktplatzfunktion steht laut Unternehmen 9,3 Millionen Mitgliedern offen.
Seine Argumentation stützt Artmarket.com unter anderem auf eine Angabe von Gartner Group und dem Europol Innovation Lab, wonach zum 30. Juni 2026 rund 70 Prozent der Daten im offenen Internet unkontrollierbare synthetische Daten seien. Eigene, zertifizierte Datenbestände gewännen dadurch relativ an Wert. Ergänzend teilte das Unternehmen mit, Ehrmann habe einen 1.800 Seiten umfassenden Essay über künstliche Intelligenz seit 1987 abgeschlossen, der zunächst auf Englisch erscheinen soll.
Quelle: FinanzNachrichten.de: News
Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung. Er stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

