Die Kreditlandschaft kippt: Obwohl viele Haushalte ein stabiles Einkommen haben, häufen
sich Ablehnungen selbst bei vermeintlich sicheren Antragstellern. „Die Mittelschicht galt lange als sichere Bank – heute ist sie für viele Institute ein Risikofaktor“, sagt Max Hochfeld, Teamleiter
Privatkredit innerhalb der KREDIT.DE AG, der täglich erlebt, wie steigende
Lebenshaltungskosten, fragmentierte Kleinkredite und starre Scoring-Modelle solide Kunden ins Aus manövrieren.
Wie erklären Sie sich diesen plötzlichen Wandel in der
Vergabepraxis?
Wenn wir ehrlich sind, kommt diese Entwicklung nicht aus heiterem Himmel. Denn die Zahl
der Kreditausfälle und Rückstande hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen, auch bei Kunden mit stabilen Einkommen. Die Banken reagieren auf dieses gesteigerte Risiko mit verschärften internen
Scoring-Vorgaben. Deshalb werden mittlerweile mehr Anfragen abgelehnt als gewohnt.
Auch die Lebenshaltungshaltungskosten (Miete, Nahrung, Energie etc.) sind massiv
gestiegen. Entsprechend höher ist die Lebenshaltungspauschale, die Banken in ihrer Prüfung der Haushaltsrechnung ansetzen müssen. Auf dem Papier bleibt dann schlicht weniger freies Einkommen übrig,
selbst wenn jemand objektiv gut verdient.
Häufig unterschätzt wird zudem der Einfluss von „Mini-Finanzierungen“ für Ratenkäufe im
Einzelhandel oder online, in der Regel ohne echte Bonitätsprüfung. Jetzt kaufen, später bezahlen – immer mehr Menschen nutzen diese Möglichkeit, zum Teil mehrmals im Monat. Vielen ist nicht
bewusst, dass sich das auf ihre Kreditwürdigkeit auswirken kann. Eine hohe Verschuldungsgeschwindigkeit und eine zunehmende Fragmentierung der Verbindlichkeiten kommen bei den Banken jedenfalls
nicht gut an.
Technisch hat sich ebenfalls einiges verändert. In digitalen Vorprüfungen werden Anfragen
von Algorithmen aussortiert, bevor überhaupt ein Mensch draufschaut. Dabei spielen auch die gerade genannten Faktoren eine Rolle. Passt der Score nicht, erhalten vermeintlich stabile Haushalte
plötzlich eine Standardabsage.
Warum stuft das System ausgerechnet diese Gruppe inzwischen als „Risikoklientel“
ein?
Die Mittelschicht galt lange als Paradebeispiel für „sichere Bank“: festes Einkommen,
geregeltes Leben, stabile Jobs. Dieses Bild hängt noch in den Köpfen. Tatsächlich sind viele mittlere Einkommen heute aber stark belastet. Konsumkredite für Möbel oder Elektronik, Autokredite,
Ratenkäufe in Handel, selbst Urlaube und Alltagskosten werden finanziert. Das summiert sich.
Ein Treiber dieser Entwicklung sind die sozialen Medien. Schöne Wohnungen, neue Autos,
schickes Essen, Fernreisen, all das wirkt plötzlich wie Standard. Es schürt Erwartungshaltungen und erzeugt auch Druck. Nicht selten wird dann ein Lebensstil finanziert, der eigentlich nicht zu den
finanziellen Möglichkeiten passt. In Kombination mit Inflation, stagnierenden Reallöhnen und höheren Lebenshaltungskosten bleibt am Monatsende zwangsläufig immer weniger Geld übrig. Das beobachten
natürlich auch die Banken – und passen ihre Risikobewertungen entsprechend an.
Wie viel davon ist tatsächlich Substanz – und wie viel vielleicht reine Vorsicht aus
Angst vor steigenden Ausfällen?
Es ist beides. Dass die Sorge der Banken nicht frei erfunden ist, haben wir bereits
thematisiert. Ein Ende dieser Entwicklung ist übrigens vorerst nicht in Sicht. Im Gegenteil: Wenn die Zinsen hoch bleiben oder die Konjunktur schwächelt, drohen noch mehr Ausfälle. Also werden die
Bonitätsanforderungen hochgeschraubt, bevor die Welle ganz durchschlägt.
Gleichzeitig ist auf Seiten der Bank auch ein spürbares Maß an Vorsicht im Spiel. Viele
Modelle sind so gebaut, dass sie jede Abweichung vom Idealhaushalt direkt abstrafen. Wer zum Beispiel über ein stabiles Einkommen verfügt, aber temporär erhöhte Ausgaben hatte, landet trotzdem
schnell im „roten Bereich“. Das ist aus Risikosicht vielleicht nachvollziehbar, fühlt sich für Betroffene aber oft überzogen und wenig gerecht an.
Welche typischen Szenarien sehen Sie gerade am häufigsten – und wo liegen die stillen
Stolperfallen, die viele Antragsteller gar nicht kennen?
Der Klassiker sind alte oder erledigte Schufa-Einträge. Viele glauben: „Das ist doch
längst bezahlt, also egal.“ In der Schufa bleibt ein Eintrag aber bis zu drei Jahre gespeichert und kann in dieser Zeit weiterhin zur Ablehnung führen.
Auch mehrere Kreditabschlüsse in kurzer Zeit sind ein häufiges Problem. Wer nacheinander
Fernseher, Handyvertrag, Möbel und vielleicht noch ein Auto finanziert, verschlechtert seine Chancen massiv. Dass nur der aktuelle Wunsch im Fokus steht, ist aber typisch. Welche Kosten oder
Anschaffungen mittelfristig anstehen könnten, wird zu selten bedacht.
Übersehen wird außerdem, dass die Ratingsysteme (z. B. von der Schufa) schon auf kleine
Veränderungen reagieren. Eine neue Kreditkarte, eine Erhöhung des Dispo-Limits, Ratenkäufe über 3, 6 oder 12 Monate – all das senkt in Summe die Bonität. Auch lange Laufzeiten oder
Ballonfinanzierungen beim Auto werden unterschätzt: Die geringe Anfangsrate wirkt bequem und verlockend, die Gesamtbelastung ist aber hoch und langfristig.
Schlechte Karten haben Antragsteller auch in der Probezeit oder bei befristeter
Beschäftigung.
Wenn die klassische Kreditlogik bröckelt: Welche Alternativen funktionieren
noch?
Plattformen wie Auxmoney oder Banken wie die Sigma Kreditbank sind in der Bewertung oft
etwas kulanter. Sie schauen weniger streng auf den Schufa-Score und stärker auf Faktoren wie Arbeitgeberzugehörigkeit oder Einkommen. Das kann gerade für Menschen mit angeschlagener Schufa eine
Option sein – wenn sie bereit sind, die deutlich höheren Zinsen zu zahlen. Es gibt also Alternativen. Die sind aber eher eine Übergangslösung, kein Allheilmittel.
Deutlich sinnvoller ist meist ein anderer Ansatz: bestehende Verbindlichkeiten prüfen und,
wenn möglich, zusammenfassen. Eine gut strukturierte Umschuldung kann die monatliche Belastung senken und die Bonität verbessern. Statt vieler kleiner, teurer Raten hat man am Ende nur noch ein
Darlehen mit klar übersichtlichen Kosten und planbarer Laufzeit.
Nach wie vor gern gesehen sind zudem Bestandskunden mit sauberer Zahlungshistorie. Es
lohnt sich also, bei Instituten nachzufragen, die einen bereits kennen, natürlich auch bei der eigenen Hausbank. Dort gibt es manchmal mehr Spielraum, weil die Bank den Kunden schon länger
beobachtet und besser einschätzen kann.
Kurz zur psychologischen Dimension: Wer plötzlich keine Finanzierung mehr bekommt,
erlebt das als persönlichen Rückschlag. Wie sollte man aus Ihrer Sicht als Kreditprofi damit umgehen, um nicht in Panik oder teure Fehlentscheidungen zu geraten?
Eine Kreditablehnung ist keine persönliche Abwertung, auch wenn sich das so anfühlen kann.
Sie ist eine Momentaufnahme auf Basis von Zahlen, Berechnungen und Risikomodellen – nicht mehr, nicht weniger.
Daher ganz wichtig: bitte keine Panikreaktionen. Kredite im Ausland oder über dubiose
Anbieter mit vermeintlich „garantierter Zusage“ wirken in der Not zwar verlockend, sind aber fast immer mit hohen, teils versteckten Kosten und fehlender Regulierung verbunden. Das kann die
Situation am Ende deutlich verschlechtern und zu langwierigen Problemen führen.
Stattdessen lohnt ein nüchterner Blick auf die eigene Finanzsituation. Also
Haushaltsrechnung aktualisieren, Ausgaben strukturieren, bestehende Kredite prüfen und gegebenenfalls bündeln, Laufzeiten anpassen, einen möglichen Mitantragsteller einbeziehen. Und: sich
Unterstützung holen. Seriöse Vergleichsportale mit erfahrenen Kreditberatern können die Ablehnung einordnen und Alternativen aufzeigen.
Wenn Sie einen Wunsch an Politik und Banken richten dürften – was müsste sich jetzt
ändern, damit Kreditvergabe wieder fair und zukunftsfähig wird?
Ich wünsche mir mehr Transparenz. Viele Antragsteller wissen nicht, warum sie abgelehnt
wurden. Sie wissen nicht, wie die Systeme arbeiten. Klare, verständliche Ablehnungsgründe würden helfen, mehr Verständnis zu schaffen. Statt im Dunkeln zu tappen könnten die Menschen etwas lernen
und ihre Situation gezielt verbessern.
Lernen ist hier das Schlüsselwort, denn nach meiner Erfahrung mangelt es vielen
Kreditnehmenden an grundlegender Finanzbildung. Ein erheblicher Teil der Überschuldung entsteht aus Unkenntnis: Man überschätzt die eigenen Möglichkeiten, oft wird gar nicht kalkuliert. Man
unterschätzt die schleichende Summierung der Verbindlichkeiten. Man weiß zu wenig über die Schufa und die Folgen von Zahlungsschwierigkeiten, bis es längst zu spät ist. Hier sehen wir bei KREDIT.DE
enormes Potenzial, um den Menschen zu helfen.
Außerdem würde ich es begrüßen, wenn es wieder mehr Raum für manuelle Einzelfallprüfungen
gäbe. Starre Scoring-Regeln sollten nicht verhindern, dass Menschen mit festem Job und stabilen Finanzen durchs Raster fallen.
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