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- TeamViewer SE – WKN: A2YN90 – ISIN: DE000A2YN900 – Kurs: 6,285 € (XETRA)
Wenn bald die finalen Zahlen zu 2025 und der Ausblick für 2026 kommen, wird man klarer sehen. Aber schon jetzt ist erkennbar: Das könnte ein Boden werden.
In meiner Top-Picks-Liste im Service stock3 Select habe ich die Teamviewer-Aktie kürzlich aufgenommen, meiner Liebe zum Bottom-Fishing sei Dank.

Die Vorab-Zahlen hat mein Kollege Sascha Gebhard hier seziert und kommt dabei letztlich zum gleichen Schluss wie ich: Das Unternehmen überzeugt zwar derzeit operativ nicht sonderlich, aber die Aktie ist nun mal sehr günstig bewertet, und da kann man nicht einfach wegschauen.
Was macht Teamviewer eigentlich?
Für die meisten ist TeamViewer wahrscheinlich noch das Synonym für die schnelle Computerhilfe aus der Ferne – das Tool, mit dem der Enkel dem Opa am PC hilft (ok, das ist jetzt übertrieben). Doch der Konzern hat in den letzten Jahren einen Wandel vollzogen. TeamViewer hat sich von einem Ein-Produkt-Unternehmen zu einer umfassenden Plattform für industrielle Konnektivität entwickelt.
Das Kerngeschäft ruht heute auf zwei strategischen Säulen. Auf der einen Seite steht das klassische SMB-Geschäft (Small and Medium-sized Businesses). Es ist die „Cash Cow“ des Konzerns – hochprofitabel, volumenbasiert und geprägt von standardisierten Abonnement-Modellen. Hier fungiert TeamViewer als „digitale Ambulanz“ für Millionen von IT-Problemen weltweit.
Auf der anderen Seite – und hier liegt die mögliche Wachstums-Fantasie – steht das Enterprise-Segment. Mit Produkten wie „TeamViewer Tensor“ und der Augmented-Reality-Lösung „TeamViewer Frontline“ adressiert das Unternehmen Großkunden. Hier geht es nicht mehr um den PC-Support, sondern um die Fernsteuerung von Industrieanlagen (Operational Technology, OT) und die Digitalisierung manueller Arbeitsprozesse mittels Datenbrillen. Wenn ein Techniker in Singapur eine Abfüllanlage in Brasilien wartet, ohne physisch vor Ort zu sein, liefert TeamViewer die Infrastruktur dafür. Diese technologische Breite, die von der alten Windows-XP-Maschine bis zur modernsten Smart-Factory-Steuerung alles vernetzen kann, bildet den eigentlichen Mini-Burggraben des Unternehmens gegenüber reinen Software-Riesen.
Noch ein paar Worte zur viel kritisierten Übernahme von 1E. Vor dem Zukauf Ende 2024 war TeamViewer primär reaktiv aufgestellt: Software wurde genutzt, wenn ein Problem bereits existierte. Mit der Integration der „Digital Employee Experience“ (DEX)-Plattform von 1E hat sich die Problemlösung zeitlich verschoben. Die Technologie von 1E ermöglicht es IT-Abteilungen, Probleme auf Endgeräten proaktiv zu erkennen und im Hintergrund automatisiert zu beheben, oft bevor der Nutzer überhaupt eine Störung bemerkt.
Für TeamViewer schließt dies eine kritische Lücke im Enterprise-Angebot „Tensor“. Die Kombination aus der Endpunkt-Analyse von 1E und der sofortigen Zugriffsmöglichkeit von TeamViewer schafft eine integrierte Plattform, die den gesamten Lebenszyklus des IT-Supports abdeckt. 1E brachte außerdem einen starken Fußabdruck im US-Markt mit – jener Region, in der TeamViewer traditionell das größte Wachstumspotenzial, aber auch den härtesten Wettbewerb sah. Dennoch ist die Kritik vermutlich berechtigt. 1E war vor allem recht teuer (720 Mio. USD) und hat dann operativ erst mal enttäuscht.
Marktposition und Wettbewerbsdruck
Im klassischen Entry-Level-Segment konkurriert das Unternehmen mit günstigeren Anbietern wie AnyDesk, die primär über Geschwindigkeit und Preis angreifen. Im lukrativen Enterprise-Markt hingegen trifft man auf Schwergewichte wie Microsoft oder spezialisierte Sicherheitsanbieter wie BeyondTrust.
Die Positionierung ist eine Gratwanderung: Microsoft ist gleichzeitig Partner und Konkurrent. Während „Microsoft Teams“ einfache Screensharing-Funktionen zur „Commodity“ gemacht hat, behauptet sich TeamViewer durch spezialisierte Funktionen, die Microsofts Standardlösungen fehlen – etwa den zertifizierten Zugriff in sicherheitskritischen Umgebungen oder die Integration in komplexe SAP-Landschaften. Die Unabhängigkeit von großen Plattform-Ökosystemen ist dabei TeamViewers stärkstes Verkaufsargument: Kunden, die eine heterogene Gerätelandschaft verwalten müssen, schätzen die Neutralität der Göppinger.
Operativ liegt der Fokus von CEO Oliver Steil nun auf der weiteren Monetarisierung der installierten Basis durch KI-gestützte Funktionen und dem Ausbau des „Tensor“-Vertriebs. Das Enterprise-Geschäft wuchs zuletzt zweistellig und kompensiert die Sättigungstendenzen im Massenmarkt.
Gleichzeitig muss man mit auch hausgemachten Problemen kämpfen, zum Beispiel Kundenverlust durch zu viele und zu massive Preiserhöhungen. Man hat es mit der „Zitrone auspressen“ ein wenig übertrieben und muss jetzt etwas zurückrudern. Teilweise herrscht auch Unzufriedenheit mit der Software, zu viele Funktionen hier, verschwundene Schalter dort. Probleme, die bekannt sind und hoffentlich auch angegangen werden.
Fazit
Die Teamviewer-Aktie war letztes Jahr eine der am kritischsten beäugten Software-Aktien überhaupt. Wann gibt es denn einen Softwaretitel mit einem 5er-KGV zu kaufen? Nur, wenn die Marktteilnehmer überaus skeptisch sind, und sie hatten auch Grund dazu. Aber bekanntlich neigt die Börse zu Übertreibungen in beide Richtungen.
Ob Teamviewer noch mal ein nennenswerter Wachstumstitel wird, muss man abwarten. Aber selbst wenn Umsatz und Ertrag künftig nur gehalten werden könnten, wäre die Aktie durchaus günstig. Nicht zuletzt könnte das Unternehmen ein Übernahmekandidat sein.
2014 kaufte Permira Teamviewer für 870 Mio. EUR, zum IPO 2019 wurde das Unternehmen dann mit über 5 Mrd. EUR bewertet. Inzwischen ist Permira raus, aber falls die Bewertung so im Keller bleibt, könnte sich auch wieder ein Private-Equity-Unternehmen einkaufen.
Als erstes realistisches Ziel in der Aktie von Teamviewer sehe ich mindestens die Gap-Unterkante vom Oktober 202 (siehe Chart unten), rund 7,15 EUR. Sofern die Zahlen und besonders der Ausblick im Februar nicht enttäuschen, ist auch deutlich mehr drin.
Rein auf die Prognosen gestützt, falls diese valide sind, könnte der Kurs sich auch leicht verdoppeln, und das wäre dann immer noch nicht teuer. Aber es gibt eben auch die Möglichkeit, dass der Vorstand mit der Vorlager 2025er-Zahlen die Aussichten für 2026 und danach dämpft. Deswegen hat der 10. Februar das Potenzial für eine größere Bewegung in der Aktie.
Tipp: Wer an solchen Aktien-Situationen interessiert ist, sollte stock3 Select abonnieren. Ich führe dort eine Liste mit „Top Picks“, ebenso die Kollegen Bastian Galuschka, Thomas May und André Rain. Zusätzlich kann man sich ein Musterdepot aussuchen, z.B. von Dirk Siebenhaar oder Harald Weygand. Sehr empfehlenswert!
Anbei die aktuellen Analystenschätzungen, alle Angaben beziehen sich auf den aktuellen Kurs von 6,44 EUR.
| Jahr | 2025e | 2026e | 2027e |
| Umsatz in Mio. EUR | 763,23 | 790,5 | 836,13 |
| Ergebnis je Aktie in EUR (non GAAP) | 1,03 | 1,09 | 1,19 |
| KGV | 6,2 | 5,9 | 5,4 |
| Börsenwert: 1 Mrd. EUR | |||
| Link zur Investor Relations Seite | |||

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15 Kommentare
Die Beschreibung von TeamViewer Frontline mit Datenbrillen klingt nach Zukunftstechnologie. Gibt es bereits konkrete Anwendungsfälle und Kunden, die diese Lösung erfolgreich einsetzen?
Ja, es gibt bereits Pilotprojekte in der Fertigungsindustrie und im Bereich der Feldservice-Techniker, die die Effizienz deutlich steigern sollen.
Der Vergleich mit einem ‚Mini-Burggraben‘ aufgrund der breiten technologischen Kompatibilität von Windows XP bis Smart Factory ist überzeugend. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, der oft unterschätzt wird, wenn man nur auf die neuesten Technologien schaut.
Ich finde es gut, dass der Artikel die operativen Herausforderungen nicht beschönigt, aber trotzdem das Kurspotenzial hervorhebt. Das ist eine realistische Einschätzung der Situation.
Die Fokussierung auf die ‚Digital Employee Experience‘ durch die 1E-Integration ist ein interessanter Schritt. Könnte dies TeamViewer helfen, sich in einem Markt zu positionieren, der zunehmend von der Mitarbeiterproduktivität und -zufriedenheit getrieben wird?
Der Artikel erwähnt, dass die finalen Zahlen für 2025 und der Ausblick für 2026 Klarheit bringen werden. Ich hoffe, diese Zahlen bestätigen die positive Entwicklung, die hier angedeutet wird.
Die Erwähnung der ‚Digitalen Ambulanz‘ für KMUs ist treffend – das zeigt, wie stark TeamViewer im bestehenden Markt verankert ist, auch wenn der Fokus auf Enterprise wächst. Wird dieser stabile Cashflow aus dem SMB-Bereich ausreichen, um die Investitionen in Tensor und Frontline zu finanzieren?
Ich bin etwas skeptisch, ob TeamViewer wirklich von einem ‚Ein-Produkt-Unternehmen‘ zu einer umfassenden Plattform gewachsen ist. Der Erfolg hängt doch immer noch stark vom Kernprodukt der Fernwartung ab, oder?
Das stimmt, die Fernwartung ist weiterhin wichtig, aber die Investitionen in Tensor und Frontline zeigen eine klare strategische Neuausrichtung auf industrielle Anwendungen.
Ich bin kein Experte, aber die Kombination aus Endpunkt-Analyse und sofortigem Zugriff klingt nach einer sehr starken Lösung für IT-Abteilungen. Das könnte die Akzeptanz von Tensor deutlich erhöhen.
Die Abhängigkeit von standardisierten Abonnement-Modellen im SMB-Bereich birgt auch Risiken. Was passiert, wenn Wettbewerber aggressivere Preismodelle anbieten?
Die Tatsache, dass TeamViewer die Probleme auf Endgeräten ‚oft bevor der Nutzer überhaupt eine Störung bemerkt‘ beheben kann, ist ein großer Vorteil. Das spart Zeit und Nerven für die Anwender.
Der aktuelle Kurs von 6,285 € (XETRA) scheint im Vergleich zur breiten technologischen Basis des Unternehmens tatsächlich günstig zu sein. Ich frage mich, ob der Markt die langfristigen Wachstumsaussichten im Enterprise-Bereich noch nicht ausreichend einpreist.
Die Vorstellung, dass ein Techniker in Singapur eine Anlage in Brasilien fernwarten kann, verdeutlicht das Potenzial von TeamViewer Tensor wirklich gut. Wie sieht es aber mit der Datensicherheit und Latenz bei solchen globalen Anwendungen aus?
Ich bin gespannt, wie sich die Übernahme von 1E tatsächlich auszahlt. Die Verlagerung von reaktiver zu proaktiver Problemlösung klingt vielversprechend, aber die Integration solcher Plattformen ist oft komplex und zeitaufwendig.