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Ein erheblicher Teil der deutschen Goldreserven lagert bei der US-Notenbank in New York. Die Zweifel an der Unabhängigkeit amerikanischer Institutionen wächst und damit auch die Sorge, ob Deutschland im Ernstfall Zugriff auf seinen Goldschatz hat.
Jahrzehntelang galt die Lagerung deutscher Goldreserven bei der US-Notenbank in New York als Ausdruck von Vertrauen und Stabilität. Doch die Zweifel an der politischen Unabhängigkeit amerikanischer Institutionen wachsen, an der Redlichkeit des US-amerikanischen Präsidenten allemal.
Deutschland verfügt über den zweitgrößten Goldbestand der Welt. Ende 2024 waren es insgesamt 3352 Tonnen, die die Deutsche Bundesbank kontrolliert. Der Marktwert lag bei rund 270,6 Milliarden Euro; ein Plus von 34,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben allein durch den stark gestiegenen Goldpreis.
Entscheidend ist jedoch nicht nur die Menge, sondern auch der Lagerort: 1710 Tonnen lagern in Frankfurt am Main, 1236 Tonnen in New York und 405 in London. Gegenüber 2023 blieb die Menge in New York unverändert.
Warum deutsches Gold im Ausland liegt
Die Lagerung im Ausland ist historisch und strategisch begründet. Frankfurt dient als nationale Basis, New York gilt als wichtigster globaler Handelsplatz für Gold, London als europäisches Drehkreuz. Die Bundesbank spricht deswegen auch von Risikostreuung und internationaler Handlungsfähigkeit.
Rechtlich basiert die Verwahrung ausländischer Goldreserven in New York auf dem US-Bundesrecht. Die US-Notenbank handelt dabei nicht als Eigentümer, sondern als Verwahrstelle für staatliche Kontoinhaber wie Regierungen und Zentralbanken. Das in den Tresoren gelagerte Gold gehört ausschließlich den jeweiligen Staaten; private Akteure haben keinen Zugang zu diesen Beständen.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel betonte bei der IWF-Herbsttagung im vergangenen Jahr ausdrücklich die sichere Lagerung in den USA: „Wir führen regelmäßige Inspektionen durch bei den Kollegen der amerikanischen Notenbank in New York“, so Nagel. „Es ist vorhanden, es ist echt und es ist in vollständiger Übereinstimmung mit dem, was wir in unseren Büchern haben.“
Kontrollen ja, Transparenz nur begrenzt
Nach Angaben der Bundesbank werden alle in Frankfurt gelagerten Barren vollständig auf Gewicht und Echtheit geprüft. In New York und London erfolgen regelmäßig physische Stichproben durch Mitarbeiter der Bundesbank, bislang ohne Beanstandungen. Prüfungsinhalte und -methoden seien an allen Lagerstellen identisch.
An den grundsätzlichen Verwahr-, Zugangs- oder Kontrollverfahren für ausländische Goldreserven hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Gleichwohl äußern sich weder die Bundesbank noch die US-Seite öffentlich zu Details wie Prüfungsrhythmen oder konkreten Abläufen.
In Notenbankkreisen gilt das Thema als sensibel: In New York lagern die Goldreserven vieler Staaten, öffentliche Zweifel könnten eine Kettenreaktion auslösen. Die Gemengelage aus geopolitischen Spannungen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und politischer Nervosität ist komplex. Offenbar will niemand schlafende Hunde wecken.
„Die Risiken eines Totalausfalls sind gestiegen“
Bereits zwischen 2013 und 2017 brachte die Bundesbank 674 Tonnen Gold aus New York und Paris nach Frankfurt zurück. Seither lagert dort mehr als die Hälfte des deutschen Goldes. Das Programm zeigt: Rückführungen sind technisch möglich – politisch aber hochsensibel.
Michael Jäger, Präsident der Taxpayers Association of Europe und Vizepräsident des Bundes der Steuerzahler, sieht die Lage deutlich kritischer als die Bundesbank. „Mit Blick auf die sich veränderte politische Gemengelage muss man leider feststellen, dass die Risiken eines Totalausfalls unseres Goldes gestiegen sind“, sagt Jäger zu FOCUS online.
Er verweist auf die massive Verschuldung der USA. „Alleine für Zinsen werden jetzt schon rund eine Billion Dollar pro Jahr fällig – bei einer Gesamtverschuldung von über 38 Billionen Dollar.“ In einer solchen Situation steige die Versuchung, politische oder finanzielle Sonderwege zu gehen. Auch der mögliche politische Druck auf die US-Notenbank bereitet ihm Sorgen: „Klar ist, dass eine politische Einflussnahme, wie Trump sie anstrebt, das Risiko für unser Gold erhöhen wird.“
Es geht nicht um Echtheit, sondern um Verfügungsgewalt
Ähnlich argumentiert der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber. Die Lagerung in New York sei lange sinnvoll gewesen, sagt er. Doch die politische Lage habe sich verändert. „Die USA wirken unter der Trump-Administration deutlich unberechenbarer, und wir sehen stärkere politische Einflussversuche auf unabhängige Institutionen“, so Ferber gegenüber FOCUS online. In so einem Umfeld steige das juristische und politische Risiko.
Kontrollen allein reichten deshalb nicht aus. „Eine Inspektion kann bestätigen, dass die Barren da sind, aber sie kann nicht garantieren, dass eine Auslieferung oder Verlagerung in einer geopolitischen oder finanziellen Stresslage ohne Verzögerung, ohne politische Auflagen und ohne Rechtsstreit möglich sind.“
Ferber plädiert langfristig für eine vollständige Lagerung in Deutschland. Jäger sieht das ähnlich: Man müsse über die Rückholung von Teilen oder dem gesamten deutschen in den USA gelagerten Barren sprechen. Dabei sei die Frage weniger, ob das Gold wirklich noch in New York liegt, sondern: „Kommen wir jederzeit wirklich dran?”
Deutschland muss Worst-Case-Szenario mitdenken
Sollte eine ausländische Zentralbank, wie die Deutsche Bundesbank, Ziel von US-Sanktionen werden, müsste auch die Federal Reserve den Zugang zum gelagertem Gold verzögern oder blockieren – selbst wenn das Gold rechtlich weiterhin dem betroffenen Staat gehört. Und genau das wird von Experten nicht mehr ausgeschlossen.
Deutschland sei laut Ferber jetzt gezwungen, anders als früher, über das Worst-Case-Szenario nachzudenken und: „Wir müssten eine koordinierte europäische Reaktion anstreben. Gleichzeitig würde das aber auch bedeuten, dass uns geopolitisch noch viel düstere Zeiten bevorstehen, als wir ohnehin schon dachten.“
Der Politiker selbst kann jedoch kaum eingreifen, denn EU-Recht und Bundesbankgesetz sichern der Bundesbank die Verwaltung der Goldreserven und ihre Unabhängigkeit. Sie regeln aber nicht, wie Deutschland sein Gold im Extremfall gegen den Willen eines Drittstaates durchsetzen könnte.
Was wäre, wenn Deutschland nicht an sein Gold käme?
Würde US-Präsident Trump den Zugriff auf das Gold verweigern, wäre das ein Tabubruch im internationalen Währungssystem. Kurzfristig hätte Deutschland zwar keinen Liquiditätsengpass, denn Gold dient nicht der Finanzierung laufender Ausgaben, sondern als Vertrauens- und Krisenreserve. Doch das Vertrauen in die USA als Treuhänder fremder Staatsreserven wäre massiv erschüttert.
An den Märkten wären steigende Goldpreise, höhere Risikoaufschläge und starke Verunsicherung wahrscheinlich. Für Deutschland könnte das höhere Finanzierungskosten, Belastungen für exportorientierte Unternehmen und steigende Absicherungskosten bedeuten. Ferber warnt: „Wenn die USA blockieren, käme das einem Krisenfall gleich. Das würde einem kompletten Bruch des transatlantischen Verhältnisses gleichkommen.“
Was ist wichtiger: Risikostreuung oder Vorsorge?
Die Bundesbank hält an ihrem Lagerstellenkonzept fest. Kritiker halten dagegen: In einer Welt wachsender geopolitischer Spannungen zählt weniger das Vertrauen im Normalbetrieb als die Verfügbarkeit im Ernstfall.
Experte Jäger höre oft die Sorge, eine Rückführung des deutschen Goldes aus den USA könnte als Ausdruck mangelnden Vertrauens gewertet werden und das Verhältnis zu den USA belasten. Aber: „Es geht hier nicht um Vertrauen, denn das wird bereits dank Trump massiv gestört. Es geht um die Ausübung des Rechts, als Eigentümer selbst zu bestimmen, was man mit seinem Eigentum – also dem Gold – macht.“
Ob Deutschland weiteres Gold nach Frankfurt holt, ist offen. Klar ist jedoch: Die Frage nach der Sicherheit der deutschen Goldreserven ist längst keine rein technische mehr – sondern eine strategische Entscheidung mit politischer Sprengkraft.
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25 Kommentare
Ich bin kein Experte, aber mir scheint, dass die Abhängigkeit von ausländischen Verwahrstellen ein gewisses Maß an Souveränitätsverlust bedeutet. Ist das wirklich akzeptabel?
Die Stichproben in New York und London sind gut, aber reichen diese aus, um die Integrität der gesamten Goldreserven zu gewährleisten? Eine vollständige Inventur wäre wünschenswert.
Die Risikostreuung durch Lagerung in drei verschiedenen Ländern klingt logisch, aber die Konzentration von über einem Drittel des deutschen Goldes in den USA erscheint mir unverhältnismäßig hoch.
Die geopolitischen Spannungen sind ein großes Problem. Was passiert, wenn die USA in einen Konflikt verwickelt werden? Können wir dann noch auf unser Gold zugreifen?
Wenn die Bundesbank so zuversichtlich ist, dass das Gold ‚vorhanden, echt und in vollständiger Übereinstimmung‘ ist, warum werden dann nicht umfassendere und öffentlich einsehbare Prüfungen durchgeführt?
Die Tatsache, dass die Verwahrungs-, Zugangs- und Kontrollverfahren seit Jahren unverändert sind, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch sicher sind. Eine Überprüfung unter den aktuellen Bedingungen wäre angebracht.
Die Betonung der ‚internationalen Handlungsfähigkeit‘ durch die Lagerung im Ausland ist nachvollziehbar, aber muss diese Handlungsfähigkeit wirklich auf Kosten der direkten Kontrolle über das Gold gehen?
Die Tatsache, dass über die Hälfte des deutschen Goldes (1710 Tonnen in Frankfurt von insgesamt 3352 Tonnen) im Inland gelagert wird, scheint vernünftig, aber die 1236 Tonnen in New York werfen Fragen auf, besonders angesichts der aktuellen politischen Lage in den USA.
Genau, die geopolitische Unsicherheit ist der springende Punkt. Die Begründung der Risikostreuung wirkt da etwas dünn.
Die Aussage, dass private Akteure keinen Zugang zu den in New York gelagerten Goldbeständen haben, ist zwar klarstellend, aber sie beantwortet nicht die Frage, ob der deutsche Staat im Notfall uneingeschränkt darüber verfügen kann.
Es ist verständlich, dass die Bundesbank keine ‚Kettenreaktion‘ auslösen will, aber das Argument der Sensibilität kann nicht als Rechtfertigung für Geheimhaltung dienen. Mehr Transparenz wäre wünschenswert.
Es ist beruhigend zu hören, dass Bundesbankpräsident Nagel regelmäßige Inspektionen in New York bestätigt, aber die fehlende Transparenz bezüglich der Prüfungsrhythmen ist dennoch besorgniserregend.
Das stimmt. Wenn alles in Ordnung ist, warum dann nicht mehr Details veröffentlichen, um Vertrauen zu schaffen?
Die 3352 Tonnen Gold sind ein wichtiger Bestandteil der deutschen Vermögenswerte. Es ist unsere Pflicht als Bürger, sicherzustellen, dass diese Vermögenswerte auch tatsächlich geschützt sind.
Die Lagerung in London als ‚europäisches Drehkreuz‘ mag historisch bedingt sein, aber mit dem Brexit hat sich die Situation geändert. Ist die Lagerung dort noch sinnvoll?
Ich frage mich, ob die Entscheidung, so viel Gold in den USA zu lagern, noch zeitgemäß ist. Die Welt hat sich verändert, und die strategische Bedeutung der USA ist nicht mehr so eindeutig wie früher.
Der Wert des deutschen Goldes beträgt 270,6 Milliarden Euro – das ist eine enorme Summe. Es ist wichtig, dass dieser Wert auch tatsächlich geschützt ist und nicht durch politische Manöver gefährdet wird.
Die Lagerung in New York wird als wichtig für den globalen Handel gerechtfertigt, aber ist das wirklich so entscheidend, dass es das Risiko rechtfertigt, im Falle einer Krise möglicherweise keinen Zugriff zu haben?
Ich bin besorgt über die mangelnde Transparenz. Wenn die Bundesbank nichts zu verbergen hat, warum werden dann nicht mehr Informationen über die Lagerbedingungen und Kontrollen veröffentlicht?
Es ist interessant, dass die Bundesbank die Lagerung in den USA als sicher bezeichnet, obwohl die politische Situation dort zunehmend unberechenbar ist. Das wirft Fragen auf.
405 Tonnen in London – das ist ein signifikanter Betrag. Welche spezifischen Vorteile bietet die Lagerung dort im Vergleich zu New York oder Frankfurt?
Der Anstieg des Goldpreises um 34,4 Prozent im letzten Jahr ist bemerkenswert, aber wie wirkt sich dieser Wertzuwachs tatsächlich auf die deutsche Wirtschaft aus, wenn das Gold nicht direkt verfügbar ist?
Eine gute Frage! Der Wert ist zwar da, aber die tatsächliche Liquidität ist ein anderes Thema.
Die Tatsache, dass die Lagerung in New York seit Jahrzehnten besteht, bedeutet nicht, dass sie auch weiterhin die beste Lösung ist. Eine kritische Neubewertung ist notwendig.
Ich finde es bedenklich, dass die US-Notenbank rechtlich als Verwahrstelle agiert, aber die politische Situation in den USA so volatil ist. Wie kann man da wirklich von ’sicherer Lagerung‘ sprechen?