Listen to the article
Erbschaftsteuer auf dem Prüfstand: Das DIW schlägt vor, Steuerprivilegien abzuschaffen, Freibeträge deutlich zu erhöhen und die Steuer zu vereinfachen. Trotz weniger Steuerzahler könnten Milliarden zusätzlich in die Staatskasse fließen.
Die Reformpläne der SPD haben die Debatte über die Erbschaftsteuer in Deutschland neu belebt. Nun meldet sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) mit einem weiteren Reformvorschlag zu Wort. In einer aktuellen Studie plädieren die Wissenschaftler für eine grundlegende Neugestaltung der Erbschaft- und Schenkungsteuer.
Nach Berechnungen des Instituts würde eine Kombination aus mehreren Maßnahmen zu zusätzlichen Staatseinnahmen von rund 2,3 Milliarden Euro führen. Dazu zählen der Wegfall besonderer steuerlicher Ausnahmen bei der Vererbung von Unternehmen, höhere Freibeträge über die gesamte Lebenszeit hinweg sowie ein einfacherer Steuertarif. Gleichzeitig würde sich die Zahl der Menschen, die überhaupt Erbschaftsteuer zahlen müssen, deutlich verringern.
Erbschaftssteuer: DIW-Vorschlag geht über SPD-Pläne hinaus
Die Berechnungen basieren auf mehr als 20 Reformmodellen, die der DIW-Steuerexperte Stefan Bach und sein Team im vergangenen Jahr für die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen erstellt haben. Der nun vorgestellte Ansatz geht laut dem Institut über den derzeit bekannten Reformvorschlag der SPD hinaus.
Auslöser der aktuellen Diskussion ist die verfassungsrechtliche Überprüfung der Erbschaftsteuer. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Bundesverfassungsgericht die bestehenden Steuervergünstigungen für Unternehmensvermögen beanstandet. Diese Sonderregeln sollen eigentlich den Fortbestand von Betrieben sichern, stehen aber immer wieder in der Kritik.
Nach Berechnungen des DIW könnten allein durch den Wegfall dieser Privilegien Mehreinnahmen von rund 7,8 Milliarden Euro erzielt werden. Das entspräche etwa 65 Prozent des bisherigen Steueraufkommens aus der Erbschaftsteuer. Die zusätzliche Steuerlast würde dabei vor allem sehr große Vermögen betreffen, heißt es in der Studie.
Höhere Freibeträge, einfachere Tarife
Ein Teil dieser zusätzlichen Einnahmen soll nach dem Konzept des DIW wieder an die Steuerzahler zurückgegeben werden. Vorgeschlagen wird die Einführung sogenannter Lebensfreibeträge. Konkret könnten enge Verwandte über ihr gesamtes Leben hinweg bis zu einer Million Euro steuerfrei erben oder geschenkt bekommen.
Zugleich sollen die derzeit sieben Steuersätze der Erbschaftsteuer reduziert werden. Welche davon gilt, hängt davon ab, wie hoch das Erbe ist und in welchem Verwandtschaftsverhältnis Erbende und Erblasser stehen. Dieses System gilt als kompliziert und schwer nachvollziehbar.
Steuersätze von sieben auf vier verringern
Der Vorschlag des DIW sieht vor, diese sieben Steuersätze auf nur noch vier zu verringern. Das bedeutet: Es gäbe weniger unterschiedliche Steuerstufen, die Regeln würden übersichtlicher, und es wäre einfacher zu erkennen, wie viel Steuer auf ein Erbe anfällt.
Wichtig ist dabei: Große Erbschaften würden weiterhin höher besteuert als kleinere. Die Steuer würde also nicht abgeschafft oder pauschal gemacht, sondern vereinfacht, ohne den Grundsatz aufzugeben, dass leistungsfähigere Erben mehr zahlen. In dieser Kombination würde sich die Zahl der Steuerpflichtigen nach DIW-Angaben von derzeit rund 200.000 auf etwa 100.000 halbieren.
Auch ein einheitlicher Steuersatz für alle Erbschaften – eine sogenannte Flat Tax – wurde in den Berechnungen geprüft. Nach Angaben von Bach müsste ein solcher Steuersatz mindestens 15 Prozent betragen, um das heutige Steueraufkommen zu sichern, wenn die Freibeträge nicht erhöht würden.
Übergangsregeln für Unternehmen
Für die Vererbung von Unternehmen empfiehlt das DIW besondere Übergangsregelungen. Die anfallende Steuer könnte demnach über einen Zeitraum von 15 oder 20 Jahren gezahlt werden, sodass sie aus den laufenden Gewinnen der Betriebe finanziert werden kann. Zusätzlich regt das Institut an, weitere Lösungen zu prüfen, etwa eine Steuerzahlung, die vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens abhängt.
Ergänzend hält das DIW einen zusätzlichen Freibetrag für Unternehmensübertragungen sowie niedrigere Steuersätze für sinnvoll. Diese Erleichterungen sollen jedoch nicht für sehr große Erbschaften im dreistelligen Millionenbereich gelten.
Den vollständigen Artikel hier lesen


18 Kommentare
Die Reduzierung der Steuersätze von sieben auf vier klingt zwar gut, aber es ist wichtig, dass die Gesamteinnahmen der Erbschaftsteuer nicht zu stark sinken.
Die Studie basiert auf über 20 Reformmodellen – das zeigt, wie komplex das Thema Erbschaftsteuer ist. Hat das DIW auch Modelle berücksichtigt, die die Auswirkungen auf Stiftungen analysieren?
Ich bin skeptisch, ob der Wegfall der Sonderregeln für Unternehmensvermögen tatsächlich den Fortbestand von Betrieben gefährdet. Gibt es Beispiele aus anderen Ländern, wo ähnliche Regelungen erfolgreich umgesetzt wurden?
Ich finde es gut, dass das DIW eine Vereinfachung der Steuertarife von sieben auf vier anstrebt. Das aktuelle System ist wirklich kompliziert und intransparent.
Es ist interessant, dass der DIW-Vorschlag über die Pläne der SPD hinausgeht. Welche konkreten Unterschiede bestehen zwischen den beiden Reformansätzen?
Die Vorstellung, dass durch den Wegfall steuerlicher Ausnahmen bei Unternehmensvermögen 7,8 Milliarden Euro zusätzlich generiert werden könnten, ist bemerkenswert. Wäre das nicht ein signifikanter Betrag, der in andere wichtige Bereiche investiert werden könnte?
Das ist richtig, aber man muss auch die potenziellen Auswirkungen auf kleine und mittelständische Unternehmen berücksichtigen, die diese Ausnahmen nutzen.
Ein einfacherer Steuertarif wäre eine deutliche Verbesserung. Die jetzigen Regeln sind für viele Erben schwer zu verstehen und führen oft zu unnötigen Kosten für Steuerberater.
Die Einführung von Lebensfreibeträgen könnte dazu führen, dass mehr Menschen dazu ermutigt werden, ihr Vermögen zu Lebzeiten zu verschenken. Wäre das ein gewünschter Nebeneffekt?
Ich frage mich, ob die Reform auch Anreize für Investitionen in Deutschland schafft oder ob sie eher zu Kapitalflucht führt.
Die Fokussierung auf sehr große Vermögen durch die Reform ist nachvollziehbar. Es wäre wichtig zu wissen, welcher Prozentsatz des gesamten Vermögens in Deutschland von diesen sehr großen Vermögen gehalten wird.
Die Aussage, dass trotz weniger Steuerzahler zusätzliche Einnahmen generiert werden könnten, ist paradox. Wie lässt sich das durch die Erhöhung der Freibeträge und die Vereinfachung der Tarife erklären?
Die Kritik an den Sonderregeln für Unternehmensvermögen ist berechtigt. Sie begünstigen oft die Reichen und verhindern eine gerechtere Verteilung des Vermögens.
Die zusätzlichen 2,3 Milliarden Euro an Staatseinnahmen könnten dringend benötigt werden, um soziale Projekte zu finanzieren. Aber wie stellt man sicher, dass das Geld auch wirklich effizient eingesetzt wird?
Ein Lebensfreibetrag von einer Million Euro klingt nach einer großzügigen Erleichterung für Erben. Wie würde sich das konkret auf die Steuerlast für durchschnittliche Erbschaften auswirken?
Die Studie des DIW sollte detaillierte Berechnungen für verschiedene Erbschaftshöhen und Verwandtschaftsgrade enthalten.
Mich wundert, dass die Debatte erst jetzt so richtig aufkommt. Die Ungleichheiten im Erbschaftsteuerrecht sind doch schon lange bekannt.
Die verfassungsrechtliche Überprüfung der Erbschaftsteuer ist ein wichtiger Auslöser für diese Diskussion. Wenn das Bundesverfassungsgericht die bestehenden Steuervergünstigungen beanstandet, wäre eine Reform unausweichlich.