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Nach neuen Rekorden in der Vorwoche haben die Kurse für Gold und Silber eine abrupte Kehrtwende vollzogen. Aber warum schlug die Euphorie so schnell in Panik um?
Nachdem Gold zum Ende der vergangenen Woche auf ein Rekordhoch von über 5580 Dollar (4705 Euro) pro Unze gestiegen war, erlitt es am Freitag den stärksten Tagesverlust seit mehr als vier Jahrzehnten und fiel um fast 16 Prozent.
Der Ausverkauf hörte damit aber nicht auf. Bis Montag hatte sich der Rückgang noch verstärkt, und das Edelmetall verlor weitere 3,3 Prozent auf 4545 Dollar pro Unze.
Der neue Rekord bei dem Edelmetall war in der Vorwoche zustande gekommen, weil immer mehr Anleger in sichere Anlagen investierten. Gründe dafür gab es genug: die hartnäckige Inflation in den großen Volkswirtschaften, die anhaltenden Spannungen in den Handelsbeziehungen zwischen den USA und China, der Ukrainekrieg und die Angst davor, dass sich die Krise im Iran zu einem militärischen Konflikt in der gesamten Region ausweiten könnte.
Welle von Käufen von Call-Optionen
Die Finanzmärkte hatten zudem eine bevorstehende Zinssenkung durch die US-Notenbank im Blick. Dieser Schritt schwächt in der Regel den Dollar und steigert die Nachfrage nach Gold.
Ein weiterer Faktor, der die Edelmetallkurse in die Höhe trieb, war eine Welle von Käufen von Call-Optionen – Kontrakte, die Händlern das Recht geben, Finanzprodukte wie Gold in der Zukunft zu einem festgelegten Preis zu kaufen.
Dies zwang die Optionsverkäufer, das Metall selbst zu kaufen, um sich gegen mögliche Verluste abzusichern, was einen Kreislauf in Gang setzte, der die Preise noch weiter in die Höhe trieb.
In China hatten spekulative Investoren das Silberangebot verknappt
Silber erlebte unterdessen in der vergangenen Woche eine unerwartete Rallye und erreichte am Donnerstag einen Rekordpreis von 121,64 Dollar pro Unze, bevor es kurz darauf um fast ein Drittel einbrach. Bis Montag war es insgesamt um rund 41 Prozent auf etwa 72 US-Dollar gefallen, bevor es sich wieder erholte.
Die extreme Rallye beim Silber wurde durch spekulative Geschäfte und unerwartet starke Erwartungen einer hohen industriellen Nachfrage angeheizt worden. Silber wird zunehmend in der Elektronik, bei der künstlichen Intelligenz (KI) und der Erzeugung sauberer Energie eingesetzt. In China hatten spekulative Investoren zusätzlich das inländische Silberangebot verknappt und die Preise noch weiter in die Höhe getrieben.
Warum dieser plötzliche und dramatische Kursrutsch?
Der abrupte Kursrutsch war in erster Linie auf zwei Ankündigungen zurückzuführen, die die Marktstimmung umkehrten und zu weitreichenden Zwangsverkäufen führten.
Zunächst nominierte US-Präsident Donald Trump am Freitag Kevin Warsh als nächsten Vorsitzenden der Federal Reserve. Warsh, der Jerome Powell als Chef der US-Notenbank ablösen wird, gilt als pragmatischer, unabhängiger Kopf mit Krisenerfahrung.
Die Märkte interpretierten Warshs Nominierung als Weichenstellung für einen weiter unabhängigen Kurs der Fed. Ein eher orthodoxer Fed-Chef, so die Erwartung der Finanzmärkte, werde wahrscheinlich nicht den Forderungen des Weißen Hauses nach drastischen, sofortigen Zinssenkungen nachgeben, wie Trump sie wiederholt von Powell verlangt hat.
„Das habe ich seit den dunklen Tagen der globalen Finanzkrise 2008 nicht mehr gesehen“
Die Nominierung von Warsh ließ den US-Dollar steigen, entgegen den Erwartungen der Anleger, dass die Trump-Regierung bereit sei, eine schwächere Währung zu tolerieren.
Investoren sehen in Warsh einen Fed-Chef, der entschieden die Inflation eindämmen will. Sie verbinden mit ihm die Hoffnung auf eine straffere Geldpolitik, die den Dollar stützen und Gold, das in Dollar gehandelt wird, weniger attraktiv erscheinen lässt.
Am Samstag erhöhte dann die Chicago Mercantile Exchange, an der Gold- und Silber-Futures intensiv gehandelt werden, ihre Margenanforderungen. Dabei handelt es sich um die Mindestbesicherung, die Händler für ihre gehebelten oder fremdfinanzierten Warentermingeschäfte vorhalten müssen.
Dieser Schritt war der Versuch, die immer riskanteren Termingeschäfte einzudämmen und den Markt zu stabilisieren. Die Änderungen sollen nach dem Börsenschluss am Montag in Kraft treten.
Wie haben Händler auf die Kursrückgänge reagiert?
Das Tempo und das Ausmaß des Ausverkaufs bei Edelmetallen verunsicherte die Händler und führte zu einer raschen Auflösung von Termin- und Optionsgeschäften sowie einem starken Rückgang der Risikobereitschaft.
„Das Ausmaß des heutigen Ausverkaufs bei Gold habe ich seit den dunklen Tagen der globalen Finanzkrise 2008 nicht mehr gesehen“, sagte IG-Marktanalyst Tony Sycamore gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 war der Goldpreis zunächst um mehr als ein Viertel von seinem Höchststand von fast 1000 Dollar auf ein Tief von rund 700 Dollar pro Unze gefallen. Später erholte sich das Edelmetall wieder stark, da es als sicherer Hafen galt, als die globalen Zentralbanken massive Konjunkturmaßnahmen durch eine expansive Geldpolitik und Zinssenkungen auf nahezu null einleiteten.
„Unter dem Strich war der Handel komplett überfüllt“
Während des aktuellen Einbruchs sagten mehrere Händler, dass es kaum noch Liquidität während der massiven Verkäufe am Freitag im Markt gegeben habe, was die Preisschwankungen verstärkte und es noch schwieriger machte, Positionen zu schließen. Andere Analysten wiesen darauf hin, dass viele Investoren, die am Terminmarkt auf steigende Kurse gesetzt hatten, den Edelmetallmarkt noch anfälliger machten, als sich die Preise umkehrten.
Bloomberg zitierte den ehemaligen Edelmetallhändler Robert Gottlieb von JPMorgan mit den Worten: „Unter dem Strich war der Handel komplett überfüllt.“ Er fügte hinzu, dass die Folgen des heftigen Ausverkaufs jetzt die Kurse in Schach halten könnten, weil viele Händler zunehmend zögern, neue Risiken einzugehen.
Ist dies das Ende der Gold- und Silberrallye?
Die heftigen Kursrückschläge bei Gold und Silber haben zu Diskussionen unter den Händlern geführt, ob der Boom wirklich vorbei ist oder nur eine Pause nach einem überhitzten Anstieg einlegt. „Die Frage, die sich jetzt alle stellen, ist: Wie geht es weiter?“, wurde Michael Brown, Senior Research Strategist beim australischen Finanzbroker Pepperstone, von der Nachrichtenagentur AFP zitiert.
„Ich würde darauf hinweisen, dass es ähnlich wie bei der Rallye der letzten Wochen nun gute Argumente dafür gibt, dass der Rückgang ebenfalls ‚zu weit und zu schnell‘ gegangen ist.“
Christopher Forbes, Leiter für Asien und den Nahen Osten bei CMC Markets, ist ebenfalls der Meinung, dass der starke Rückgang des Goldpreises eher einer klassischen Korrektur nach einem außergewöhnlichen Anstieg gleicht als einem Zusammenbruch des längerfristigen Trends. „Eine erneute Schwäche des Dollars oder eine weniger restriktive Geldpolitik unter Warsh würde die Käufer zurückbringen, die bei niedrigen Kurse zugreifen“, sagte Forbes, der davon ausgeht, dass Gold in den nächsten zwölf Monaten seine jüngsten Höchststände wieder erreichen kann.
Zentralbanken kaufen Gold, um ihre Reserven zu diversifizieren
In einem am Montag veröffentlichten Bericht schrieb die Deutsche Bank, dass die Motive der Anleger für den Kauf von Gold „breiter“ sind als bei früheren Preisanstiegen und „wahrscheinlich nicht nachlassen werden“.
Neben institutionellen Anlegern hob Deutschlands größte Bank die anhaltende Nachfrage durch die Zentralbanken hervor – darunter die von China, Polen und Südkorea -, die nach Einschätzung der Deutschen Bank eine wichtige Nachfragequelle bleiben werden. Zentralbanken kaufen Gold, um ihre Reserven zu diversifizieren und sich gegen Währungs- und geopolitische Risiken abzusichern.
Die Deutsche Bank verwies auch auf die anhaltende Kaufbereitschaft privater Anleger, insbesondere in Asien, die Gold als Absicherung gegen Währungsabwertungen und als liquide Wertanlage betrachten.
Viele Analysten gehen davon aus, dass auch die Silber-Rallye weiter anhalten wird, da hier die Fundamentaldaten stärker erscheinen als die von Gold. Die industrielle Nachfrage steigt weiter an, während das Angebot nach Jahren der Unterinvestition in Exploration und Bergbau knapp bleibt.
Der Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert
Von Nik Martin
Das Original zu diesem Beitrag „Was steckt hinter dem Kursrutsch bei Gold und Silber?“ stammt von Deutsche Welle.
Den vollständigen Artikel hier lesen


6 Kommentare
I’ve been following this closely. Good to see the latest updates.
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Interesting update on Analyst zum Gold-Crash: „Habe ich seit dunkelsten Tagen nicht gesehen“. Looking forward to seeing how this develops.
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