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Die Investitionen in Russlands Wirtschaft brechen ein. Daran ist auch eine Strategie Putins verantwortlich. Diese soll den Krieg mitfinanzieren.
Hohe Verteidigungsausgaben, extremer Fachkräftemangel und westliche Sanktionen setzen Russland immer mehr zu. All das führt zu einer massiven Inflation, die wiederum den Leitzins hochtreibt. Dem Kreml passt das nicht: Wiederholt hatte Russlands Präsident Wladimir Putin die Zentralbank aufgefordert, die Zinsen zu senken. Jetzt zeigt sich, warum.
„Die Krise ist offenkundig“: Investitionen brechen ein
Der Kreml macht es offiziell: Das Investitionswachstum in Russland stagniert. Am Dienstag (3. Februar) hat Russlands stellvertretender Premierminister Alexander Novak mitgeteilt, dass die Investitionen in den ersten neun Monaten 2025 lediglich um 0,5 Prozent gewachsen seien. Aufs ganze Jahr gerechnet, sei mit einem Wachstum um „null oder nur leicht darüber“ zu rechnen. Im September hatte das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung noch ein Wachstum von 1,7 Prozent prognostiziert.
Das bedeutet das Ende eines mehrjährigen, von massiven Staatsausgaben angetriebenen, Wachstums. Kurz nach Bekanntgabe der Prognose hat die staatliche Statistikagentur Rosstat berichtet, dass der erste jährliche Rückgang der Investitionen seit fünf Jahren eingetreten war – die Kapitalausgaben seien im dritten Quartal 2025 gegenüber mit dem Vorjahreszeitraum um 3,1 Prozent zurückgegangen.
„Die Krise ist offenkundig“, sagte Dmitry Belousov, stellvertretender Leiter des regierungsnahen Zentrums für makroökonomische Analysen und Kurzfristprognosen, in der Moscow Times. Er machte eine „anhaltend extrem restriktive Geldpolitik“ für die Entwicklung verantwortlich.
Teufelskreis in Russlands Wirtschaft
Damit bezieht er sich auf die hohen Leitzinsen, die die russische Zentralbank verkündet hatte. Aktuell stehen sie bei 16 Prozent, hatten aber innerhalb der letzten Jahre Höchstwerte von bis zu 22 Prozent erreicht. Analysten zufolge sind außerdem die schwächere Nachfrage und die schwierigere Haushaltslage für die Stagnation bei den Investitionen verantwortlich.
Laut dem Center for Development at the Higher School of Economics (HSE) sind vor allem die Sektoren Transport, Bau und Abbau von der Investitionsschlappe betroffen. Letzterer umfasst beispielsweise Kohle, Öl und Gas.
Für den Kreml ist das eine Katastrophe, denn aus Öl und Gas kommt ein erheblicher Anteil der Staatseinnahmen. Fast sieht es nach einem Teufelskreis aus: Die schwierige Haushaltslage würgt Investitionen ab, aber weniger Investitionen in Öl und Gas erschweren die Haushaltslage.
Krieg treibt Inflation, Zentralbank hält dagegen
Die Zentralbank unter Elvira Nabiullina verfolgt ein Inflationsziel von vier Prozent. Vorher wird die Bank keine allzu hohen Zinsschnitte vornehmen. Einer aktuellen Prognose zufolge soll dieses Ziel im Jahr 2027 erreicht werden. Aktuell steht die Inflation in Russland bei 6,6 Prozent.
Hinter der Inflationsentwicklung steht der Ukraine-Krieg. Verschiedene Aspekte des Krieges wirken sich negativ auf Russlands Wirtschaft aus, zum Beispiel sorgt der Kriegsdienst für einen Mangel an Arbeitskräften. Sei es, weil sie eingezogen wurden oder weil sie aus Angst vor dem Kriegsdienst außer Landes geflüchtet sind. Gleichzeitig haben die hohen Sölde für Soldaten die durchschnittlichen Löhne gehoben, was gerade in ärmeren Regionen des Landes zumindest vorübergehend einen Kaufrausch ausgelöst hatte.
Die hohen Rüstungsinvestitionen aus dem Kreml treiben die Inflation zusätzlich. Hier gibt es zwei verschiedene Schienen. Erstens erhöht der Kreml konsequent die regulären Verteidigungsausgaben, was wiederum weniger Ausgaben für andere Bereiche mit sich zieht. Zweitens hat Putin dafür gesorgt, dass russische Banken Kredite an Unternehmen der Rüstungsbranche ausgeben mussten – und auch an Unternehmen, die lediglich an die Rüstungsbranche angedockt sind.
Russlands Wirtschaft vor Stillstand
All das hat sich auf eine explosive Weise vermischt. Russlands Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, Innovation und volle Auftragsbücher auch abseits der Rüstungsindustrie: ohne Investitionen ein mindestens schwieriges Unterfangen. „Während die kriegsbezogenen Industrien geboomt haben, hat der Rest der Wirtschaft größtenteils stagniert“, schrieb der Thinktank Atlantic Council dazu.
Je mehr der Kreml in den militärisch-industriellen Sektor investiert, umso weniger können die zivilen Sektoren in Wettbewerb um Arbeitskräfte und Finanzierung treten. „Russland hat die Grenzen dessen, wie sehr die zivile Wirtschaft ignoriert werden kann, ehe sie in Stagnation tritt, ausgereizt“, so die Statistiker. Im Grunde hat Putin die Wahl zwischen Wirtschaft und Krieg, und bislang wählt er den Krieg.
Nabiullina hatte schon auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg vor einer schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung gewarnt. Im vergangenen Sommer sagte sie, die russische Wirtschaft sei gestützt von „kostenlosen Ressourcen“ gewachsen, darunter Arbeitskraft, Industriekapazität, Kapitalbankreserven und Mitteln des National Wealth Fund (NWF). „Wir sind zwei Jahre lang in ziemlich hohem Tempo gewachsen, weil die kostenlosen Ressourcen aktiv waren“, hat Nabiullina dazu gesagt. Aber: „Wir müssen verstehen, dass viele dieser Ressourcen wahrhaftig aufgebraucht sind.“
Für das weitere Wachstum sehen die Prognosen aktuell düster aus. 2023 und 2024 war Russlands Wirtschaft noch über vier Prozent gewachsen, 2025 soll es nurmehr ein Prozent sein. Das jedenfalls hofft der russische Vize-Premier Novak. Der Internationale Währungsfonds (IMF) geht von 0,8 Prozent aus.
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6 Kommentare
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