Der estnische Arbeitsmarkt hat sich im zweiten Quartal aufgehellt. Nach Angaben des nationalen Statistikamts Statistics Estonia, die am Freitag veröffentlicht wurden, sank die Arbeitslosenquote auf 6,6 Prozent. Im ersten Quartal hatte die Quote noch bei 7,1 Prozent gelegen. Damit ging die Kennzahl binnen drei Monaten um einen halben Prozentpunkt zurück.
Noch deutlicher fällt der Vergleich mit dem Vorjahr aus: Im entsprechenden Quartal des Vorjahres war eine Quote von 7,8 Prozent ausgewiesen worden. Gegenüber dem Vorjahresquartal beträgt der Rückgang 1,2 Prozentpunkte. Estland ist Mitglied der Europäischen Union und der Eurozone; die Arbeitsmarktdaten der baltischen Staaten werden von Konjunkturbeobachtern regelmäßig als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung an der EU-Ostgrenze herangezogen.
Zahl der Arbeitslosen geht um mehrere Tausend zurück
In absoluten Zahlen registrierte das Statistikamt 49.000 Arbeitslose im zweiten Quartal, nach 52.200 im Vorquartal. Der Rückgang beläuft sich damit auf rund 3.200 Personen innerhalb eines Quartals. Für Estland mit seiner vergleichsweise kleinen Erwerbsbevölkerung sind das Größenordnungen, die sich unmittelbar in der Quote niederschlagen – jede Veränderung um einige Tausend Personen bewegt die Prozentangabe merklich.
Parallel zum Rückgang der Arbeitslosigkeit nahm die Beschäftigung zu. Die Beschäftigungsquote stieg auf 68,6 Prozent von 68,0 Prozent im Vorquartal. Die Zahl der Erwerbstätigen erhöhte sich nach den Angaben des Statistikamts auf 691.600 Personen; in den drei Monaten davor waren es 686.300 gewesen. Das entspricht einem Zuwachs von rund 5.300 Erwerbstätigen. Dass sowohl die Arbeitslosenzahl sank als auch die Zahl der Beschäftigten stieg, deutet darauf hin, dass der Rückgang der Quote nicht allein auf einen Rückzug vom Arbeitsmarkt zurückzuführen ist.
Jugendarbeitslosigkeit bleibt hoch
Deutlich angespannter bleibt die Lage bei den jüngeren Erwerbspersonen. Die Jugendarbeitslosenquote lag bei 22,4 Prozent, nach 22,8 Prozent im ersten Quartal. Die Kennzahl bezieht sich auf die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen. Der Rückgang um 0,4 Prozentpunkte fällt damit geringer aus als bei der Gesamtquote – mehr als jede fünfte junge Erwerbsperson gilt weiterhin als arbeitslos.
Hohe Jugendarbeitslosenquoten sind in vielen europäischen Statistiken strukturell bedingt: Die Quote wird nicht auf alle Jugendlichen bezogen, sondern nur auf jene, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Schüler und Studierende, die keine Arbeit suchen, fließen nicht in die Bezugsgröße ein. Die Basis ist damit klein, wodurch die Quote systematisch höher ausfällt als die allgemeine Arbeitslosenquote und stärker schwankt.
Was die Kennzahlen messen
Die von Statistics Estonia veröffentlichten Werte beruhen auf einer Arbeitskräfteerhebung, wie sie in der EU einheitlich erhoben wird. Als arbeitslos gilt dabei, wer keine bezahlte Arbeit ausübt, aktiv eine Beschäftigung sucht und kurzfristig zur Verfügung steht. Ausschlaggebend ist damit nicht die Registrierung bei einer Arbeitsverwaltung, sondern die Selbstauskunft der Befragten. Die Arbeitslosenquote setzt die Zahl der Arbeitslosen in Beziehung zur Zahl der Erwerbspersonen, also zur Summe aus Beschäftigten und Arbeitslosen.
Die Beschäftigungsquote folgt einer anderen Logik: Sie misst den Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Beide Kennzahlen können sich deshalb unabhängig voneinander bewegen – etwa wenn Menschen aus der Nichterwerbstätigkeit heraus eine Stelle aufnehmen, ohne zuvor als arbeitssuchend erfasst worden zu sein.
Quartalsdaten mit saisonalem Einfluss
Der Vergleich vom ersten auf das zweite Quartal ist in Arbeitsmarktstatistiken üblicherweise von saisonalen Effekten beeinflusst, da in den Frühjahrs- und Sommermonaten in Branchen wie Bau, Landwirtschaft, Handel und Tourismus zusätzliche Arbeitskräfte nachgefragt werden. Ob und in welchem Umfang die veröffentlichten estnischen Werte saisonbereinigt sind, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Aussagekräftiger für den Trend ist daher der Vorjahresvergleich, der ebenfalls einen Rückgang der Arbeitslosigkeit zeigt.
Weitere Angaben – etwa zur Aufteilung nach Wirtschaftszweigen, Regionen oder zur Dauer der Arbeitslosigkeit – enthält die vorliegende Mitteilung nicht. Auch Aussagen zur Lohnentwicklung oder zur Zahl der offenen Stellen wurden im Zusammenhang mit diesen Zahlen nicht veröffentlicht.
Für die Einordnung der estnischen Konjunktur sind Arbeitsmarktdaten eine von mehreren Größen. Rückläufige Arbeitslosenquoten und eine steigende Beschäftigungsquote gelten grundsätzlich als Zeichen einer robusteren Nachfrage nach Arbeitskräften. Eine Bewertung der weiteren Entwicklung lässt sich aus einem einzelnen Quartalswert jedoch nicht ableiten; dafür wären mehrere aufeinanderfolgende Erhebungen sowie Daten zu Produktion, Auftragslage und Preisentwicklung erforderlich.
Quelle: FinanzNachrichten.de: News
Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung. Er stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.

