Listen to the article
Die KI-Euphorie ist vorbei. Jetzt zählt, wer wirklich verdient. Die Wall Street plant 2026 als Richtungsjahr: Was in den Fokus rückt, welche Trends die US-Strategen jetzt spielen und wie Anleger per ETF dabei sein können.
Die Wall Street denkt längst nicht mehr in Quartalen. Wer in New York die großen Häuser – Goldman, Morgan Stanley, JPMorgan oder BlackRock – aufmerksam verfolgt, merkt schnell: 2026 wird nicht als „ein weiteres Börsenjahr“ geplant, sondern als eine Art Richtungsentscheidung. Die Frage lautet nicht mehr, ob KI kommt. Sie ist da. Entscheidend ist jetzt, wer an ihr verdient und in welchen Branchen sich die nächste Welle der Kapitalströme aufbaut.
Nach zwei Jahren Tech-Euphorie ist an den Märkten nun eine neue Nüchternheit eingezogen. Der Ton ist weniger „alles wird KI“, sondern eher: Wo entstehen real messbare Gewinne? Welche Unternehmen liefern die Infrastruktur, auf der die neue Ökonomie läuft? Und welche Branchen werden dadurch so stark umgebaut, dass daraus neue Gewinner entstehen? Wer also auf der suche nach einem der großen Trendthemen für das Jahr 2026 ist, dürfte im Folgenden fündig werden.
Der wichtigste Trend 2026: KI wird erwachsen und frisst sich in die Realwirtschaft
2026 ist in den Augen vieler Strategen kein Jahr der großen KI-Versprechen mehr, sondern der KI-Bilanzen. Wer gut lauscht, wie die Wall Street über neue Technologien spricht, erkennt das Muster: Erst wird das Narrativ verkauft, dann werden Lieferketten und Cashflows analysiert. Und genau an dieser Stelle sind wir jetzt.
Der Fokus verlagert sich deshalb weg von schönen Visionen hin zu den banaleren Dingen, die an der Börse am Ende die Musik machen: Rechenzentren, Stromversorgung, Netzwerke, Chips, Speicher, Kühlung. Es ist die „Pick-and-Shovel“-Phase, die Zeit, in der nicht diejenigen am meisten gewinnen, die vom Goldrausch erzählen, sondern die, die Schaufeln und Werkzeuge liefern.
Im Zentrum steht dabei weiterhin Nvidia. Nicht nur als Symbol, sondern weil das Unternehmen zum Taktgeber des gesamten Marktes geworden ist. Daneben spielen AMD und Broadcom zentrale Rollen, vor allem überall dort, wo KI nicht nur Rechenpower braucht, sondern auch Datentransport: Switches, Netzwerktechnik, Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Und ohne TSMC läuft in dieser Geschichte ohnehin kaum etwas: Die Fabriken der Taiwanesen sind der Engpass der digitalen Welt, gerade bei den modernsten Fertigungsprozessen.
TSMC-CEO Che-Chia Wei brachte das bei der Vorlage der jüngsten Quartalszahlen vergangenen Donnerstag auf den Punkt: Die wachsende Nutzung von KI-Modellen in Wirtschaft und Staat führe zu immer höherem Rechenbedarf und stütze damit die Nachfrage nach den modernsten Chips.
Damit wird 2026 noch eine zweite, oft unterschätzte Wahrheit deutlicher: KI ist ein Energie-Thema. Die großen Gewinner könnten am Ende nicht nur Chipkonzerne sein, sondern diejenigen, die die Infrastruktur dafür liefern, dass die Rechenzentren überhaupt laufen können.
Das unterschätzte Mega-Thema: Strom ist die neue Währung der KI-Ära
Wenn an der Börse von KI gesprochen wird, denken Privatanleger meist zuerst an Chatbots und Software. Die großen Investoren denken an etwas anderes: Kilowattstunden. Jeder zusätzliche KI-Cluster bedeutet einen zusätzlichen Stromhunger. Und der kommt nicht irgendwann, sondern jetzt.
Darum rückt ein Bereich in den Vordergrund, der lange Zeit als langweilig galt: Elektrifizierung und Netzausbau. Unternehmen, die Schaltanlagen, Transformatoren, Power-Management-Systeme und industrielle Elektrik herstellen, rücken in den Fokus. Denn ohne sie wird kein Rechenzentrum hochgefahren und keine Kapazität erweitert.
Man kann das wie eine zweite Börsenlogik lesen: Während die Tech-Rallye die Köpfe dominiert, arbeitet im Hintergrund die Infrastruktur-Rallye.
Das ist typisch Wall Street: Dort liebt man Trends, die gleichzeitig „Zukunft“ sind und zwingend gebraucht werden. Stromnetze fallen exakt in diese Kategorie. Und genau deshalb werden in vielen 2026-Outlooks auch die klassischen Industriewerte wieder heiß diskutiert. Und das nicht etwa aus nostalgischen Gründen, sondern weil sie notwendiger Teil der KI-Welt sind.
Cybersecurity: Der Trend, der nicht verschwinden darf
Je mehr digitalisiert wird, desto teurer wird die Schattenseite. Und KI macht Angriffe nicht nur besser, sondern vor allem billiger, automatisiert, skalierbar und schneller. Das führt zu einer der härtesten Investment-Thesen der letzten Jahre: Cybersecurity ist kein zyklischer Luxus, sondern strukturelle Pflichtausgabe.
Das erklärt, warum Titel wie CrowdStrike, Palo Alto Networks oder Zscaler an der Wall Street nicht wie klassische „Software-Aktien“ gehandelt werden, sondern wie eine Art Grundausstattung der digitalen Wirtschaft. In einem Umfeld, in dem Märkte jede Ausgabe hinterfragen, ist Cybersecurity eine der wenigen Kategorien, die sich leicht verteidigen lässt: Wer hier spart, zahlt später ein Vielfaches.
Verteidigung & Geopolitik: Der Dauertrend, den niemand mehr klein redet
Auch in diesem Punkt ist 2026 eher Fortsetzung als Neubeginn: Defence bleibt ein Mehrjahrestrend. Die Welt ist nicht friedlicher geworden, und die Haushalte vieler Staaten sind bereits umgebaut. Es geht weg von kurzfristigen Projekten hin zu langfristiger Aufrüstung, Technologie und Lieferfähigkeit von Waffen und Munition.
Was früher als kurzfristiger Krisen-Trade galt, wird inzwischen nüchtern als Industriezyklus betrachtet. Lockheed Martin, RTX, Northrop Grumman sind Titel, die in vielen Depots nicht mehr nur politische Wetten sind, sondern Bausteine in einem Portfolio, das mit geopolitischen Risiken rechnet, statt sie auszublenden. In Europa hat sich diese Logik mit Rheinmetall, Hensoldt und anderen Verteidigungswerten längst etabliert. Es ist ein Trend, der 2026 noch stärker in der breiten Anlegerwelt ankommen könnte.
Health Tech & Longevity: Der nächste große Kampf um Produktivität
Die Wall Street wäre nicht die Wall Street, wenn sie nicht auch abseits von Tech und Rüstung nach dem nächsten großen Effizienztrend suchen würde. Genau hier taucht 2026 immer häufiger ein Thema auf, das erstaunlich gut in die KI-Logik passt: Healthcare, MedTech und Longevity.
Die Argumentation ist simpel: Wenn Gesellschaften altern und gleichzeitig Arbeitskräfte knapper werden, wird Produktivität zum zentralen Gut. KI kann nicht nur texten, sie kann Diagnostik unterstützen, Abläufe in Kliniken optimieren, Monitoring verbessern, Bürokratie reduzieren. Wer die Gesundheitsversorgung effizienter macht, erschließt einen Markt, der riesig ist und gleichzeitig politisch und gesellschaftlich Priorität genießt.
Hier ist das Spielfeld noch breiter als in der Chipwelt. Neben klassischen MedTech-Größen wie Intuitive Surgical geht es auch um neue Geschäftsmodelle, die Gesundheit als datengetriebene Dienstleistung organisieren. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Aber 2026 wird das Jahr sein, in dem Investoren stärker nach dem fragen, was anwendbar, erstattungsfähig und skalierbar ist.
Und was ist mit den „Börsenstars“ selbst?
Ein Nebeneffekt wird dabei oft übersehen: Wenn 2026 wieder mehr Geld in große Projekte fließt – also in Fabriken, Stromnetze, Rechenzentren oder Übernahmen – dann gewinnen auch diejenigen, die solche Geschäfte möglich machen. Investmentbanken, Broker und große Vermögensverwalter verdienen nämlich nicht daran, welche Branche boomt, sondern daran, dass überhaupt viel investiert, gekauft und finanziert wird. Denn jedes größere Geschäft bringt Gebühren: bei Übernahmen, Börsengängen oder Kapitalerhöhungen.
In vielen Strategiepapiere ist das deshalb der heimliche zweite Hebel: Nicht nur „was wächst“, sondern auch „wie wird Wachstum finanziert“.
Themen-ETFs: vom Trend profitieren mit geringem Risiko
Wer an diesen Wall-Street-Trends teilhaben will, aber sich nicht dem erhöhten Risiko einzelner Aktien aussetzen möchte, findet in Themen-ETFs einen pragmatischen Mittelweg: Statt alles auf einen Champion wie Nvidia, Rheinmetall oder einen Cybersecurity-Star zu setzen, kauft man gleich ein ganzes Körbchen an Profiteuren und verteilt damit das Risiko.
Gerade bei Zukunftsthemen ist das psychologisch wertvoll, weil es den Druck nimmt, „die eine richtige Aktie“ erwischen zu müssen. Gleichzeitig gilt: Trend-ETFs sind keine gemütlichen Weltindizes. Sie können sich phasenweise spektakulär entwickeln, aber auch ebenso spektakulär einbrechen.
Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass solche Fonds deutlich stärker schwanken und Anleger oft nicht am Thema scheitern, sondern am Timing: Viele steigen dann ein, wenn das Thema überall in den Schlagzeilen ist und verkaufen frustriert, sobald die Kurse nachgeben.
Damit ETFs in Trendbereichen wirklich helfen, braucht es jedoch einen klaren Umgang damit: als kleine Beimischung, nicht als Ersatz für das Basisportfolio. Genau hier liegt dann nämlich der entscheidende Vorteil gegenüber Einzeltiteln: Man kann Trends „dosieren“, ohne sich komplett vom Erfolg einer einzigen Firma abhängig zu machen.
Genau hinschauen, was man kauft
Trotzdem sollten Anleger hinschauen, was sie da eigentlich kaufen, denn in vielen Themen-ETFs steckt nicht immer drin, was der Name suggeriert, und die Kosten sind oft höher als bei Standard-ETFs.
Dazu kommt ein unterschätzter Punkt: Überschneidungen. Wer bereits einen MSCI World oder FTSE All-World hält, besitzt beispielsweise Nvidia oft schon in spürbarer Größenordnung.
Ein zusätzlicher „KI-ETF“ erhöht dann nicht automatisch die Streuung, sondern oft nur das Gewicht derselben großen Tech-Giganten – ein Klumpenrisiko, das man leicht übersieht. Wer Trend-ETFs nutzt, sollte sie deshalb eher als „Satellit“ um den Weltindex herum verstehen, nicht als neues Zentrum des Depots.
Wall Street setzt 2026 nicht auf „ein Thema“, sondern auf ein Ökosystem
Der wichtigste Punkt ist am Ende aber vielleicht dieser: Die Wall Street setzt 2026 nicht auf „ein Thema“, sondern auf ein Ökosystem. KI ist der Motor, doch die Gewinner müssen nicht immer die sein, die am lautesten „AI“ schreien. Oft sind es die Unternehmen, die in der Wertschöpfungskette sitzen, ohne die kein einziger Fortschritt umgesetzt werden kann: Fertigung, Energie, Netze, Sicherheit.
Oder anders gesagt: Der große Trend ist nicht „KI“. Der große Trend ist, dass die Welt um KI herum neu gebaut wird. Wer das versteht, versteht auch, warum 2026 an der Börse als Jahr der Infrastruktur, der Realwirtschaft und der harten Zahlen gelesen wird und nicht mehr als Jahr der bloßen Visionen.
Den vollständigen Artikel hier lesen


26 Kommentare
Die Abhängigkeit von TSMC ist beunruhigend. Gibt es Pläne, die Chipfertigung in den USA oder Europa auszubauen, um diese Abhängigkeit zu verringern?
Die Betonung auf 2026 als ‚Richtungsjahr‘ ist ein starkes Signal an Investoren, dass sie sich auf langfristige Trends konzentrieren sollten und nicht auf kurzfristige Spekulationen.
Die Aussage von TSMC-CEO Che-Chia Wei über den steigenden Rechenbedarf durch KI ist ein starkes Indiz dafür, dass die Chipnachfrage weiterhin hoch bleiben wird, was wiederum Nvidia und AMD zugutekommt.
Ich habe mich schon länger gefragt, wann der Fokus von der Software auf die Hardware bei KI-Investitionen verschoben wird. Der Artikel bestätigt diesen Trend.
Absolut. Die Hardware ist die Grundlage für alles, was mit KI möglich ist. Ohne leistungsstarke Chips geht nichts.
Die Kühlung von Rechenzentren ist ein oft unterschätztes Problem. Wer hier innovative Lösungen anbietet, könnte ebenfalls profitieren, wie der Artikel andeutet.
Ich finde es gut, dass der Artikel nicht nur die Gewinnerseiten der KI-Entwicklung beleuchtet, sondern auch auf die Notwendigkeit von Strom und Kühlung hinweist – ein oft vernachlässigter Aspekt.
Die Nennung von Broadcom neben Nvidia und AMD ist wichtig, da sie die Bedeutung von Datentransport und Netzwerktechnik für die KI-Infrastruktur hervorhebt.
Die Tatsache, dass die Wall Street 2026 als entscheidendes Jahr betrachtet, deutet darauf hin, dass die bisherigen Investitionen in KI bis dahin erste klare Ergebnisse zeigen sollten.
Die Notwendigkeit von Hochgeschwindigkeitsverbindungen und Netzwerktechnik, die Broadcom liefert, wird mit dem wachsenden KI-Bedarf immer wichtiger werden.
Die ‚Pick-and-Shovel‘-Analogie ist perfekt. Wer die Werkzeuge für den KI-Goldrausch liefert, wird langfristig profitieren, und der Artikel nennt die richtigen Unternehmen.
Ich frage mich, ob die Abhängigkeit von TSMC, wie im Artikel erwähnt, ein Risiko für die gesamte KI-Wertschöpfungskette darstellt, besonders angesichts der geopolitischen Lage in Taiwan.
Es ist wichtig zu verstehen, dass KI nicht isoliert existiert, sondern von einer komplexen Infrastruktur abhängig ist, die im Artikel gut dargestellt wird.
Die Betonung auf ‚Pick-and-Shovel‘-Phase ist treffend; es geht nicht mehr nur um die KI-Idee selbst, sondern um die Unternehmen, die die notwendige Infrastruktur bereitstellen, wie Rechenzentren und Chips.
Die Verbindung zwischen KI und Energiebedarf wird oft übersehen. Wenn KI wirklich ‚frisst‘, wie es im Artikel heißt, dann sind Investitionen in Stromversorgung und Kühlung unerlässlich.
Es ist interessant zu sehen, wie sich der Fokus von der reinen KI-Technologie auf die zugrunde liegende Infrastruktur verschiebt. Das zeigt eine Reife des Marktes.
Der Artikel macht deutlich, dass der KI-Boom nicht einfach so weitergeht, sondern eine Phase der Konsolidierung und Fokussierung auf Rentabilität eingeleitet wird.
Die Wall Street scheint zu erkennen, dass KI ohne die entsprechende Hardware-Infrastruktur, insbesondere Chips, nicht funktionieren kann. Das ist eine wichtige Erkenntnis.
Könnte die Konzentration auf die ‚Pick-and-Shovel‘-Strategie dazu führen, dass kleinere, innovative KI-Unternehmen untergehen, weil die Kapitalströme an die etablierten Infrastrukturanbieter fließen?
Das ist eine berechtigte Sorge. Es könnte tatsächlich zu einer Konsolidierung kommen, aber disruptive Technologien finden oft trotzdem ihren Weg.
Ich bin gespannt, ob sich die Prognose, dass 2026 ein ‚Richtungsjahr‘ wird, bewahrheitet. Die Verlagerung von Quartalsdenken zu langfristigeren Strategien klingt vielversprechend.
Ich bin skeptisch, ob Nvidia seine dominante Position im KI-Markt so leicht abgeben wird, wie der Artikel impliziert. Sie sind einfach zu weit voraus.
Die Aussage, dass KI ein Energie-Thema ist, ist ein wichtiger Punkt. Das könnte zu einem verstärkten Interesse an erneuerbaren Energien führen, um die Rechenzentren zu versorgen.
Es ist klug, dass die Wall Street den Fokus auf messbare Gewinne legt und nicht mehr auf reine KI-Versprechen, wie der Artikel beschreibt. Das deutet auf eine realistischere Einschätzung des Marktes hin.
Die Tatsache, dass die Wall Street jetzt auf ‚KI-Bilanzen‘ schaut, deutet darauf hin, dass die Zeit der leeren Versprechungen vorbei ist und es um harte Fakten geht.
Die Analyse der Lieferketten und Cashflows, die im Artikel erwähnt wird, ist ein entscheidender Schritt, um die tatsächlichen Gewinner der KI-Revolution zu identifizieren.