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Vom früheren Wurst-Riesen zur Schließung: Die Eberswalder Wurstwerke stehen für den Niedergang der Industrie – und eine Wirtschaftskrise, die alle trifft.
In den 1980er Jahren war die Eberswalder Wurstwerke der Deutschen Demokratischen Republik mit rund 3000 Beschäftigten der größte Wursthersteller Europas. Der 65 Hektar große Produktionsstandort verfügte über einen eigenen Friseur, eine Klinik, eine Bibliothek und ein Restaurant.
Diese kommunistischen Zeiten sind längst vorbei. Letzte Woche erfuhren die rund 500 verbliebenen Mitarbeiter, dass der neue (westdeutsche) Eigentümer des Unternehmens, das für seine hautlosen Bratwürste und Schorfheider Knüppelsalami eine treue Kundschaft hat, sein Werk in Britz Ende Februar schließen wird.
Eberswalder Wurstwerke: Werk wird schließen, Mitarbeiter erfuhren es kurz vor TV-Sendung
„Wir haben davon eine halbe Stunde vor der Fernsehsendung erfahren“, sagt ein Mitarbeiter in weißer Uniform im Laden am Werkstor. Trotz des Schneewetters herrschte im Fabrikverkauf reger Betrieb. Tönnies, der westdeutsche Fleischverarbeiter, dem die Fabrik nun gehört, „hat bei der Übernahme vor zwei Jahren Investitionen versprochen“, beklagt sich ein anderer Arbeiter.
Die deutsche Wirtschaft, gemessen am nominalen BIP die drittgrößte der Welt, stagniert seit drei Jahren, und Fabrikschließungen und Insolvenzen erreichen ein besorgniserregendes Ausmaß.
Am 8. Januar gab Zalando, ein großer deutscher Online-Modehändler, bekannt, dass er ein Logistikzentrum mit 2700 Beschäftigten in Erfurt, ebenfalls in Ostdeutschland, schließen werde. Vorläufige Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis zeigen, dass die Insolvenzen im Dezember gegenüber dem gleichen Monat des Jahres 2024 um 15 Prozent gestiegen sind.
Konkurs-Flut bekannter Firmen besonders entmutigend
Besonders stark betroffen waren die Branchen Transport, Gastgewerbe und Bauwesen. Die Gesamtzahl der Unternehmensinsolvenzen lag im vergangenen Jahr bei mehr als 17.600 und war damit laut dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle die höchste seit 20 Jahren.
Am entmutigendsten für die Deutschen war die Flut bekannter Firmen, die in Konkurs gegangen sind. Im vergangenen Jahr waren darunter einige der größten Namen des Landes: Goertz (Schuhe), Gerry Weber und Esprit (Mode), Groschenmarkt (Discounter), Karrie Bau (Bauwesen) und Zoo Zajac (der weltweit größte Zoofachhandel).
In manchen Jahren gingen mehr als 39.000 Unternehmen in Konkurs
Sicherlich gab es schon schlimmere Konjunkturabschwünge; das Platzen der Dotcom-Blase führte zu weitaus mehr Unternehmensinsolvenzen. In manchen Jahren gingen mehr als 39.000 Unternehmen in Konkurs. Frühere Krisen konzentrierten sich jedoch auf bestimmte Branchen, wie beispielsweise die Technologiebranche beim Dotcom-Crash.
Im Gegensatz dazu betrifft die derzeitige Flaute alle Unternehmen gleichermaßen. Die deutsche Fertigungsindustrie war einst ein Anker der Stabilität, der die Höhen und Tiefen anderer Sektoren abfedern konnte.
Das ist vorbei: Exportorientierte Branchen sind besonders anfällig für globale Konflikte, Zölle und hohe Energiepreise. Das gesamte Wirtschaftsmodell des Landes ist für die neuen Realitäten schlecht geeignet. Bis es angepasst ist, werden sogar Wursthersteller auf dem Prüfstand stehen.
Das Original zu diesem Beitrag „Germany’s economy is so bad even sausage factories are closing” stammt von „The Economist”.
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18 Kommentare
Die Diskrepanz zwischen früheren Krisen, die sich auf einzelne Branchen konzentrierten, und der aktuellen, flächendeckenden Flaute ist bemerkenswert. Das deutet auf eine tiefgreifende Veränderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hin.
Die hohe Anzahl von Unternehmensinsolvenzen im letzten Jahr – über 17.600 – ist ein deutliches Warnsignal. Welche Maßnahmen werden ergriffen, um weitere Insolvenzen zu verhindern?
Die Konkurswelle in Branchen wie Transport, Gastgewerbe und Bauwesen deutet auf eine breite Abwärtsspirale hin. Sind diese Branchen besonders anfällig für die aktuelle Wirtschaftslage?
Obwohl es in der Vergangenheit schlimmere Konjunkturabschwünge gab, wie das Platzen der Dotcom-Blase mit über 39.000 Konkursen, ist die aktuelle Situation anders. Die breite Betroffenheit aller Branchen, einschließlich der Fertigungsindustrie, ist neu und besorgniserregend.
Die Erwähnung der ‚hautlosen Bratwürste‘ und ‚Schorfheider Knüppelsalami‘ zeigt, dass es sich um ein Produkt mit regionaler Identität handelt. Wird der Verlust dieser Spezialitäten die lokale Kultur beeinflussen?
Die Investitionszusagen von Tönnies bei der Übernahme der Eberswalder Wurstwerke scheinen gebrochen worden zu sein. Wie oft versprechen Unternehmen Besserung, nur um dann Arbeitsplätze abzubauen?
Die Tatsache, dass die deutsche Wirtschaft stagniert, obwohl sie die drittgrößte der Welt ist, ist ein Paradoxon. Welche strukturellen Probleme hindern Deutschland daran, wieder zu wachsen?
Ich frage mich, ob die Regierung genug tut, um die betroffenen Regionen, wie Brandenburg und Thüringen, zu unterstützen. Die Schließungen von Eberswalder Wurstwerke und Zalando sind verheerend für die lokale Wirtschaft.
Die Schließung von Zalando’s Logistikzentrum in Erfurt mit 2700 Mitarbeitern verstärkt den Eindruck, dass Ostdeutschland besonders stark von der Wirtschaftskrise betroffen ist. Gibt es spezifische Gründe dafür?
Es ist nicht nur die Anzahl der Insolvenzen, sondern auch die Namen der betroffenen Unternehmen, die besorgniserregend sind: Goertz, Gerry Weber, Esprit – das sind keine kleinen Betriebe, sondern bekannte Marken. Das deutet auf ein systemisches Problem hin.
Die Schließung der Eberswalder Wurstwerke, einst mit 3000 Mitarbeitern der größte Wursthersteller Europas, ist ein alarmierendes Zeichen. Dass selbst eine traditionsreiche Branche wie die Wurstproduktion betroffen ist, zeigt die Tiefe der aktuellen Wirtschaftskrise.
Es ist bezeichnend, dass die Mitarbeiter erst eine halbe Stunde vor der TV-Sendung von der Schließung erfuhren. Das wirft Fragen nach der Kommunikation des neuen Eigentümers, Tönnies, auf und wie wenig Wert auf die Belegschaft gelegt wird.
Es ist beunruhigend, dass die Fertigungsindustrie, die lange als stabil galt, nun ebenfalls unter Druck steht. Das könnte langfristige Folgen für die deutsche Wirtschaft haben.
Die Situation ist ernst, aber Panik ist fehl am Platz. Wir müssen die Ursachen der Krise analysieren und gezielte Maßnahmen ergreifen, um die deutsche Wirtschaft zu stabilisieren und zukunftsfähig zu machen.
Absolut, eine sachliche Analyse ist entscheidend. Die Fokussierung auf die Fertigungsindustrie, die ja einst als stabil galt, sollte dabei Priorität haben.
Es ist traurig zu hören, dass ein Betrieb mit einer so langen Geschichte und umfassenden Infrastruktur – Friseur, Klinik, Bibliothek, Restaurant – schließen muss. Das ist mehr als nur der Verlust von Arbeitsplätzen.
Die Tatsache, dass die Insolvenzen im Dezember um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind, ist erschreckend. Das Statistische Bundesamt Destatis sollte diese Entwicklung noch genauer untersuchen, um die Ursachen zu identifizieren.
Die Schließung der Eberswalder Wurstwerke erinnert mich an ähnliche Fälle in meiner Heimatregion. Es ist frustrierend zu sehen, wie traditionelle Unternehmen unter dem Druck der Globalisierung und der Wirtschaftskrise leiden.