Listen to the article
Europa investiert Milliarden ins Recycling von Metallen. Dazu gehört auch Aluminium. Das Problem: China kauft den Markt leer.
Recycling ist eine von Europas wichtigsten Waffen zur Erreichung verschiedener Klimaziele. Auf EU-Ebene existieren bereits Rahmenbedingungen, die unter anderem festlegen, wie hoch der Anteil recycelter Materialien zu jeweils gesetzten Stichdaten sein muss. Hier spielt sogenanntes Schrott-Aluminium eine Schlüsselrolle: Wenn es dem Kontinent gelingt, seinen Aluminiumbedarf in Zukunft verstärkt mit Recycling zu bedienen, löst er sich mehr von ausländischen Händlern. Der Aluminium-Markt aber steht unter massivem Druck.
Engpässe bei der Aluminium-Versorgung
Offenbar kaufen asiatische Händler den Markt für Schrottaluminium leer. Das hat direkte Auswirkungen auf den ersten Aluminium-Markt. Am 2. Januar stieg der Preis für das Metall auf 3.000 US-Dollar pro Tonne, berichtete Bloomberg. Seit mehr als drei Jahren war dies nicht mehr vorgekommen. Dafür sind mehrere Faktoren verantwortlich. Einer davon ist das Reich der Mitte: China hat seine Schmelzkapazitäten beschränkt, was wiederum zu einer Knappheit in der Versorgung führt.
Ein weiterer Grund ist die schwächere europäische Produktion. Viele Unternehmen haben ihre Kapazitäten heruntergefahren, weil die Energiekosten zu hoch sind. All das hat über die vergangenen Monate dazu geführt, dass die weltweiten Bestände zusehends geschrumpft sind.
Experten der Preisberichtsagentur Argus Media gaben gegenüber Focus Online außerdem Indien als regen Käufer für Schrott-Aluminium an. „China hat viel europäisches Schrottmetall gekauft, aber der Hauptkäufer ist Indien“, teilte Jethro Wookey, Experte für die europäischen Aluminium-Märkte, auf Anfrage mit. Zum Vergleich: 2025 soll China rund 135.000 Tonnen Aluminiumschrott aus Europa gekauft haben, Indien dagegen 540.000 Tonnen.
„Die Lage ist dramatisch“: Deutschlands Aluminium-Branche schwächelt
Ein Blick zurück zeigt, dass diese Entwicklung keineswegs aus dem Nichts kommt. Im Gegenteil. Der Verband Aluminium Deutschland (AD) hat innerhalb der letzten Monate wiederholt deutliche Warnungen ausgesprochen. Die Aluminiumproduktion sei deutlich rückläufig. Im Vergleich zu 2021 habe sie 2025 noch bei 76,5 bis 87 Prozent gelegen. 28 Prozent aller Unternehmen in der Branche würden einen Stellenabbau entweder planen oder ihn bereits vollziehen. 13 Prozent erwägen die Verlagerung von Produktionsteilen ins Ausland.
Angeblich sind es vor allem politische Rahmenbedingungen, die die Erholung bremsen. Die Energiepreise seien zu hoch, die Nachfrage zu gering. Zusatzkosten würden die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
„Die Lage der Aluminiumindustrie ist dramatisch“, warnt der AD-Präsident Rob van Gils. Die Unternehmen müssten sich neu aufstellen, um zu überleben. Unter anderem drohen Kapazitätskürzungen, Standortverlagerungen und Beschäftigungsabbau. „Sollte die Industrie nicht durch die Politik gestärkt werden, wird dies auch Wohlstandsverluste in Deutschland mit sich bringen.“
Zwar konnte sich das Aluminiumrecycling im dritten Quartal 2025 noch stabil halten (plus zwei Prozent in der Produktion), aber auf die ersten neun Monate des Jahres gerechnet liegt das Produktionsniveau rund einen Prozent unter dem Vorjahreswert. Verglichen mit 2021 liegt das Produktionsniveau 15 Prozent niedriger. Ein Grund: Verknappung von Aluminiumschrotten.
Welche Produkte betrifft der Aluminium-Mangel?
Einer der größten Abnehmer für Aluminium ist die für Deutschlands Wirtschaft so wichtige Automobilindustrie. Experten gehen davon aus, dass der Bedarf im Zuge der Elektrifizierung der Branche sogar noch steigen wird. Aktuellen Zahlen zufolge fließen weiter 27 Prozent der Aluminiumerzeugnisse in den Bereich Bauwesen und Verpackung. Die Industriebranchen (Maschinenbau, Elektrotechnik und die Stahlindustrie) nehmen weitere 18 Prozent.
Wichtige aus Aluminium hergestellte Produkte sind unter anderem:
- Getränkedosen
- Verpackungen (Folien und Becher)
- Felgen
- Karosserieteile
- Motorenkomponenten
- Fensterrahmen und Türen
- Töpfe, Pfannen
Bei all diesen Produkten besteht das Risiko, dass Hersteller etwaige Preissteigerungen ihrer Aluminium-Vorräte direkt an die Kunden weitergeben.
Im Jahr 2026 sieht Wookey den Druck auf den Aluminiumsektor steigen. „Das betrifft fast alle Aluminium-Produkte in Europa, über die hauptsächlichen Konsumsektoren.“ Für die Industrie heißt es im Jahr 2026, ein Auge auf die Exportbeschränkungen zu halten.
Aufsteiger am Aluminium-Markt: So sichert China sich Marktmacht
China hat sich über die vergangenen Jahre zu einem Powerhouse am Aluminiummarkt etabliert. Die Aluminium Association geht davon aus, dass der Anteil Chinas an der weltweiten Produktion von rund acht Prozent auf über 58 Prozent gestiegen ist (Stand 2024).
Bei vielen anderen Rohstoffen, vor allem bei den wichtigen seltenen Erden, konnte China gar ein Quasi-Monopol aufbauen. In Europa hat das vor mehreren Jahren zu einem Umdenken geführt. Der sogenannte Critical Raw Materials Act gilt hierbei als Rahmenwerk dafür, um größere Anteile des Rohstoffbedarfs aus heimischer Produktion, aus dem Recycling oder von anderen Ländern abseits von China zu beziehen.
Diese Ziele sind ambitioniert: Bis 2030 sollen 25 Prozent des EU-Recyclings aus heimischen Kapazitäten stammen. Um die heimische Industrie zu schützen, sind neue Maßnahmen auf EU-Ebene im Gespräch. Paul Voss, Director General bei European Aluminium, forderte bereits rigorose Gebühren auf Aluminiumschrott, der die EU verlässt. Internationale Dachverbände der Recyclingwirtschaft hielten dagegen und warnten Anfang 2025 noch vor Exportbeschränkungen.
China schlägt übrigens auch bei Schrottbeständen mit seltenen Erden gnadenlos zu. „Schrott mit seltenen Erden ist inzwischen ebenso begehrt wie die Metalle selbst“, sagte Jan Giese, Senior Manager Minor Metals & Rare Earths beim Frankfurter Rohstoffhändler TRADIUM, auf Anfrage von Focus Online.
Den vollständigen Artikel hier lesen


18 Kommentare
Ich verstehe, dass Recycling eine wichtige Komponente ist, aber der Artikel zeigt, dass Europa hier das Nachsehen hat. Der Schrott wird gekauft und das Recycling findet dann außerhalb Europas statt. Ist das wirklich der richtige Weg?
Es ist beunruhigend zu lesen, dass 28 Prozent der Unternehmen in der Aluminiumbranche Stellenabbau planen oder bereits durchführen. Das hat unmittelbare Folgen für die betroffenen Arbeitnehmer und deren Familien.
Der Artikel spricht von ‚Kapazitätskürzungen‘. Bedeutet das, dass bereits heute Aluminiumproduktion stillgelegt werden muss, oder ist das nur eine drohende Entwicklung für die Zukunft? Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Arbeitsplätze.
Es scheint, dass einige Unternehmen bereits Kapazitäten reduziert haben, da die hohen Energiekosten die Produktion unwirtschaftlich machen, wie im Artikel erwähnt. Eine vollständige Stilllegung vieler Werke ist aber noch nicht eingetreten, sondern eher eine Gefahr.
Der Anstieg des Aluminiumpreises auf 3.000 US-Dollar pro Tonne am 2. Januar ist ein deutliches Zeichen der Verknappung. Hat diese Preisentwicklung bereits zu Produktionsausfällen bei Unternehmen geführt, die nicht auf langfristige Verträge setzen konnten?
Es steht im Raum, dass die niedrige Nachfrage die Situation verschärft. Könnte hier eine verstärkte Förderung von Aluminiumanwendungen, beispielsweise im Bausektor, helfen, die heimische Produktion zu stabilisieren?
Die hohen Energiekosten werden als wesentliche Belastung für die europäische Aluminiumproduktion genannt. Wie sieht der AD hier die kurz- und langfristigen Lösungsansätze? Braucht es einen Änderung der Energiepolitik?
Die Abhängigkeit von ausländischen Händlern, speziell in Bezug auf Schrottaluminium, ist ein Problem. Reicht es wirklich, auf Recycling zu setzen, wenn der Großteil des Materials abgeflogen wird, bevor es wiederverwendet werden kann?
Die Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland, die 13 Prozent der Unternehmen erwägen, ist ein Alarmsignal. Welche Länder kommen hierbei besonders in Frage und welche Auswirkungen hätte das auf die europäische Wirtschaft?
Rob van Gils spricht von ‚Wohlstandsverlusten‘, sollte die Politik nicht handeln. Welche spezifischen politischen Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach am effektivsten, um die Aluminiumindustrie in Deutschland zu stärken?
Die Aussage, dass China seine Schmelzkapazitäten beschränkt hat, erscheint widersprüchlich, wenn man bedenkt, dass sie gleichzeitig massiv Schrottaluminium aus Europa aufkaufen. Könnte es sein, dass diese Beschränkungen eher strategischer Natur sind, um Preise zu manipulieren?
Der Fokus liegt stark auf China und Indien als Käufern. Gibt es andere Länder, die ebenfalls eine signifikante Rolle im globalen Aluminiumhandel spielen und die Europa beeinflussen könnten?
Die Tatsache, dass Indien 540.000 Tonnen Aluminiumschrott aus Europa im Jahr 2025 kaufen soll, im Vergleich zu Chinas 135.000 Tonnen, zeigt deutlich eine Verlagerung der Nachfrage. Wie bewertet der AD diese Entwicklung für die europäische Industrie?
Die Dramatik der Lage für die deutsche Aluminiumindustrie wird deutlich. Ich frage mich, ob es innerhalb der Branche bereits Initiativen zur Zusammenarbeit und zur gemeinsamen Stärkung der Verhandlungsposition gegenüber ausländischen Händlern gibt.
Die Kombination aus steigenden Preisen und sinkender Produktion ist eine gefährliche Spirale. Wenn die Aluminiumindustrie in Deutschland weiter geschwächt wird, könnte das negative Folgen für viele andere Wirtschaftszweige haben.
2025 sollen laut Artikel nur 76,5 bis 87 Prozent der Aluminiumproduktion von 2021 erreicht werden – das ist ein erheblicher Rückgang. Welche konkreten Maßnahmen plant der Verband Aluminium Deutschland, um diesen Trend aufzuhalten und die Produktion wieder anzukurbeln?
Es ist gut, dass die EU Rahmenbedingungen für den Anteil recycelter Materialien festlegt. Aber sind diese Rahmenbedingungen angesichts der aktuellen Marktsituation ausreichend, um die Recyclingziele tatsächlich zu erreichen?
Der Beschleunigungseffekt, den der Artikel beschreibt – sinkende Bestände, steigende Preise, Produktionsrückgänge – ist besorgniserregend. Wie schnell kann sich diese Situation verschärfen, wenn keine gegenzügigen Maßnahmen ergriffen werden?