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Wir sind zu langsam und ängstlich für Trumps Welt. Radikales Wachstum ist jetzt die einzige echte Absicherung, warnt Change-Experte Kishor Sridhar
Was vor zwei Jahren noch zu verrückt für einen Hollywood-Film gewesen wäre, ist nun Realität: Donald Trump will sich Grönland übernehmen und die USA verhalten sich wie der neue Feind Europas.
Europa will sich richtigerweise nicht erpressen lassen. Bloomberg berichtet von möglichen Vergeltungszöllen auf 93 Milliarden Euro US-Waren. Im Raum steht sogar das EU-„Anti-Coercion Instrument“, also das Instrument gegen wirtschaftliche Nötigung. Frankreichs Außenminister Barrot unterstützt laut Reuters sogar eine Suspendierung des EU-US-Handelsdeals, weil Trump Zölle als Druckmittel nutzt.
Für deutsche Unternehmen heißt das, dass Preise steigen können, Lieferanten sich absichern werden, Kunden Aufträge verschieben und Banken nervös werden.
Die Welt war für die deutsche Wirtschaft selten so bedrohlich, und selten waren deutsche Unternehmen so schlecht vorbereitet.
Wie schnell wird aus Unsicherheit eine Pleitewelle?
Krisen können bereits durch einen kleinen Bruch in der globalen Lieferkette entstehen. Ein einziges Beispiel reicht, um die Verwundbarkeit zu verstehen: Als der Suezkanal 2021 blockiert war, schätzte Lloyd’s List den Wert der feststeckenden Waren auf 9,6 Milliarden Dollar pro Tag.
Deutschland ist eine Exportmaschine. Und Exportmaschinen brauchen drei Dinge: offene Märkte, planbare Preise, stabile Lieferketten.
Wenn eines davon bricht, wird aus Wachstum sehr schnell ein Abwehrkampf.
Die Deutsche Angst ist ein schlechter Begleiter
Krisenzeiten sind immer auch psychologisch. Dann beginnen Unternehmen, Wachstumsvorhaben einzufrieren. Mitarbeiter spüren das zuerst über Projektstopps, Einstellungsbremsen und Unsicherheit. Führungskräfte spüren es über Budgetkämpfe und operative Hektik.
Angst ist ein schlechter Begleiter. Nur sind wir in Deutschland leider besonders gut darin, Angst zu haben. So kann zum Beispiel ein Maschinenbauer aus Ostwestfalen technologisch top sein, doch wenn zwei Großkunden gleichzeitig die Abrufe aus Bedenken verschieben, wird aus „gutem Auftragseingang“ innerhalb von Wochen ein Liquiditätsthema.
Und die Pleitewelle ist längst mehr als ein Gefühl: Allianz Trade verweist auf einen kräftigen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland im Jahr um 10 Prozent auf rund 24.300 Fälle. Für 2026 wird ein zusätzlicher Anstieg erwartet.
Die neue Verwundbarkeit: Künstliche Intelligenz aus den USA
Parallel zu Lieferketten und Zöllen entsteht eine neue Verwundbarkeit: Es ist unsere zunehmende Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz.
Der IT-Branchenverband Bitkom meldet, dass inzwischen 36 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI nutzen. Ein Jahr zuvor waren es 20 Prozent.
Das Zentrum des KI-Booms sind nun mal die USA. Was wäre, wenn die USA hier ihre Macht ausspielen und beginnen, uns den Zugang abzuschneiden oder drastisch zu verteuern? Das wäre mächtiger als jede Rohstoff-Blockade.
So müssen sich deutsche Unternehmen jetzt wirklich schützen
Deutsche Unternehmen müssen jetzt reagieren, und zwar nicht durch plumpe Einsparungen. Sie müssen Abhängigkeiten radikal offenlegen. Welche Komponenten, Rohstoffe oder IT-Services stoppen den Betrieb? Wo gibt es keine Alternative?
Wer seine Sollbruchstellen nicht kennt, kann keine Entscheidungen treffen, wenn es schnell gehen muss, und keine Alternativen finden.
Ferner muss die Entscheidungsgeschwindigkeit erhöht werden. Viele Unternehmen scheitern in Krisen nicht an fehlender Intelligenz, sondern am Abstimmungsstau. Eine klare 48-Stunden-Regel für Krisenentscheidungen ist die neue Sicherheit.
Um der Pleitewelle zu entkommen, braucht es radikales Wachstum
Und wer jetzt glaubt, man müsse nur durchhalten, hat die Lage falsch verstanden.
In geopolitischer Unsicherheit ist Stabilität der Zustand, den man sich teuer erkauft. Radikales Wachstum ist der Zustand, der einem diese Stabilität überhaupt erst ermöglicht.
Radikales Wachstum heißt dabei, Handlungsspielraum aufzubauen, während andere schrumpfen. Wachstum sorgt für mehr Stärke, mehr Cash, mehr Marktpräsenz, mehr Verhandlungsmacht bei Kunden und Lieferanten.
Und Wachstum hat noch einen Effekt, den viele unterschätzen: Es stabilisiert die Organisation von innen.
Mitarbeiter bleiben motivierter, Teams bleiben handlungsfähiger, Führung bleibt glaubwürdiger. Wer dagegen sofort in den Sparmodus fällt, produziert Angst, und Angst lähmt.
Sind wir in Deutschland zu langsam für die neue Welt eines Donald Trump?
Doch für Wachstum braucht es Mut und eben auch Geschwindigkeit. Doch die bittere Wahrheit lautet das dies nicht gerade die Stärken vieler deutscher Unternehmen sind.
In Deutschland lieben wir Planbarkeit, Absicherung, Gremien, Perfektion. In einer Welt, in der Risiken die neue Normalität sind, wird dieser frühere Vorteil zu einem Nachteil. Wachstum geht nie durch Perfektion, sondern nur durch aggressives Unternehmertum.
Wir verfügen über viel Potential in Deutschland. Doch die entscheidende Frage lautet: Sind wir in Deutschland zu langsam für die neue Welt eines Donald Trump?
Kishor Sridhar ist angesehener Berater, Keynote-Speaker und Autor, spezialisiert auf Change Management, Führung und Digitalisierung. Er unterstützt Führungskräfte bei Transformationsprozessen und lehrt an der ISM in München. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
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25 Kommentare
Die ‚Deutsche Angst‘ als schlechter Begleiter ist eine treffende Beschreibung. Ein Maschinenbauer aus Ostwestfalen, der aufgrund verschobener Aufträge plötzlich Liquiditätsprobleme hat, ist ein sehr anschauliches Beispiel.
36 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen bereits KI, laut Bitkom. Das zeigt, wie schnell sich diese Technologie verbreitet und wie wichtig es ist, die Kontrolle darüber nicht zu verlieren.
Ich frage mich, ob die deutsche Politik die Tragweite dieser Entwicklung wirklich versteht. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um die strategische Autonomie Europas.
Die Idee, dass Trump Grönland übernehmen will, klingt nach Science-Fiction, aber die möglichen Folgen für die europäische Wirtschaft sind alles andere als fiktiv.
Die Drohung mit dem EU-„Anti-Coercion Instrument“ klingt vielversprechend, aber wie effektiv ist dieses Instrument wirklich und wie schnell kann es eingesetzt werden?
Die Abhängigkeit von offenen Märkten, planbaren Preisen und stabilen Lieferketten ist für die deutsche Exportwirtschaft essentiell. Wenn eines davon ausfällt, droht der Kollaps.
Es ist besorgniserregend, dass die deutsche Wirtschaft so anfällig für Störungen in den Lieferketten ist. Gibt es keine Möglichkeiten, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu verringern?
Der Vergleich mit der Blockade des Suezkanals 2021, bei der Waren im Wert von 9,6 Milliarden Dollar pro Tag festsaßen, verdeutlicht die extreme Anfälligkeit globaler Lieferketten. Das ist ein beängstigendes Szenario für die deutsche Exportwirtschaft.
Absolut. Deutschland ist so stark von Exporten abhängig, dass selbst kurzzeitige Störungen massive Auswirkungen haben können.
Die Vorstellung, dass die USA Europa als ‚Feind‘ betrachten, ist erschreckend. Wie kann die EU eine gemeinsame Strategie entwickeln, um sich gegen solche Angriffe zu wehren?
Die Erwähnung der Budgetkämpfe und operativen Hektik in Unternehmen zeigt, dass die Krise bereits angekommen ist und viele Betriebe unter Druck stehen.
Die Situation erinnert an eine Art Wirtschaftskrieg. Wie können sich deutsche Unternehmen in diesem Umfeld positionieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten?
Die Erwähnung von potenziellen Vergeltungszöllen in Höhe von 93 Milliarden Euro auf US-Waren ist eine enorme Zahl. Wie realistisch ist dieser Schritt wirklich und welche konkreten Produkte wären betroffen?
Es ist schwer zu sagen, aber die EU scheint durchaus bereit, härtere Maßnahmen zu ergreifen, um Trump entgegenzutreten. Die Suspendierung des Handelsabkommens wird ebenfalls diskutiert.
Es ist wichtig, dass die EU geschlossen gegen Trumps Protektionismus vorgeht. Eine Spaltung Europas würde die Situation nur noch verschlimmern.
Die Tatsache, dass ein einzelner Großkunde, der Aufträge verschiebt, ein Unternehmen in Ostwestfalen in eine Liquiditätskrise stürzen kann, zeigt die fragile Situation vieler Betriebe.
Die Abhängigkeit von US-amerikanischer KI ist ein wachsendes Problem. Müssen wir nicht dringend in den Aufbau eigener KI-Kapazitäten investieren, um nicht abhängig zu werden?
Die Aussage, dass deutsche Unternehmen schlecht auf diese neue Welt vorbereitet sind, trifft den Nagel auf den Kopf. Viele scheinen immer noch auf Stabilität und Planbarkeit zu setzen, was in Trumps Welt keine Rolle spielt.
Das stimmt leider. Es fehlt oft an der Bereitschaft, radikalere Wachstumsstrategien zu verfolgen und Risiken einzugehen.
Trumps Interesse an Grönland wirkt wie eine Provokation. Glaubt die EU wirklich, dass sie sich nicht erpressen lassen kann, wenn die USA so offen ihre Macht demonstrieren?
Die zunehmende Abhängigkeit von US-amerikanischer künstlicher Intelligenz stellt eine neue Bedrohung dar. Wenn die USA den Zugang zu KI einschränken, könnte das verheerende Folgen für die deutsche Wirtschaft haben.
Der Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 10 Prozent auf rund 24.300 Fälle im letzten Jahr ist alarmierend. Wird diese Entwicklung sich im Jahr 2026 noch beschleunigen, wie Allianz Trade prognostiziert?
Die schnelle Zunahme der KI-Nutzung von 20% auf 36% innerhalb eines Jahres ist beeindruckend, aber auch ein Zeichen dafür, wie schnell wir die Kontrolle verlieren könnten.
Die psychologische Komponente der Krise wird oft unterschätzt. Wenn Unternehmen Angst haben, werden sie Investitionen zurückhalten und das Problem noch verschärfen.
Es ist beunruhigend zu hören, dass die Welt für die deutsche Wirtschaft selten so bedrohlich war. Was können Unternehmen konkret tun, um sich auf eine mögliche Pleitewelle vorzubereiten?