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Deutschland gilt als Sparweltmeister, doch fast jeder dritte Haushalt hat gar keine Rücklagen. Ökonom Marcel Fratzscher erklärt, warum viele Menschen gar nicht mehr konsumieren können und wie gefährlich das für Wirtschaft und Gesellschaft ist.
In der politischen Debatte heißt es oft: Die Deutschen sparen, weil sie eben einfach so seien und außerdem ständig übertriebene Sorge um ihr Geld hätten. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Im Interview mit FOCUS online warnt der Ökonom Marcel Fratzscher vor einem gefährlichen Teufelskreis aus Kaufzurückhaltung, Job-Angst und wirtschaftlicher Stagnation.
Ein Drittel der Haushalte ohne Rücklagen
FOCUS online: In Politik und Öffentlichkeit ist oft von einer ausgeprägten Sparneigung der Deutschen die Rede. Teilen Sie diese Diagnose oder haben viele Menschen gar keinen Spielraum mehr zum Sparen oder Konsumieren?
Marcel Fratzscher: Deutschland ist Sparweltmeister, und gleichzeitig gibt es ungewöhnlich viele Menschen in unserem Land, die keinerlei Geld zurücklegen können. Was sich als Widerspruch anhören mag, ist gut zu erklären: Deutschland hat eine der höchsten Ungleichheiten bei privaten Ersparnissen in der westlichen Welt. Es gibt viele Menschen mit sehr hohen Ersparnissen und Vermögen. Gleichzeitig gibt es jedoch mit knapp 30 Prozent aller Haushalte ungewöhnlich viele Menschen, die keinerlei Ersparnisse haben, weil sie von ihrem monatlichen Einkommen jeden Euro für das tägliche Leben benötigen.
Welche Gründe gibt es für die Konsumzurückhaltung breiter Bevölkerungsschichten?
Fratzscher: Zwei Gründe erklären die gegenwärtige Konsumzurückhaltung in Deutschland: Zum einen sind es vor allem Menschen mit geringen Einkommen, die ihren Konsum aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten reduzieren müssen oder zumindest nicht steigern können. Zum anderen erhöhen vor allem Besserverdiener ihre Sparquote, da sie sich in einer Welt mit enorm hoher Unsicherheit noch stärker absichern wollen. Immer mehr Menschen haben Sorgen um die Zukunft, um ihren Arbeitsplatz und künftige Lebenshaltungskosten und gehen daher vorsichtiger mit ihren Ausgaben um, vor allem bei größeren Konsumgütern oder wie in der Weihnachtszeit.
Allein die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen fünf Jahren um knapp 40 Prozent gestiegen.
Sie weisen häufig auf die wachsende Ungleichheit hin. Wer kann sich derzeit überhaupt noch Konsumverzicht „leisten“ und welche Gruppen müssen real ihren Lebensstandard senken?
Fratzscher: Vor allem Menschen mit geringen Einkommen sind in diesen Zeiten stark steigender Lebenshaltungskosten besonders betroffen. Wir erleben eine zutiefst unsoziale Inflation: Der Anstieg von Lebensmittelpreisen, Wohnkosten und Kosten für Energie trifft Menschen mit geringen Einkommen deutlich härter, da sie einen viel höheren Anteil ihres monatlichen Einkommens für diese Dinge benötigen als Menschen mit höheren Einkommen. Allein die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen fünf Jahren um knapp 40 Prozent gestiegen.
Teufelskreis aus Konsumflaute, Umsatztief und geringem Einkommen
In Umfragen geben viele Menschen an, mehr zu sparen. Inwiefern verzerren solche Stimmungsindikatoren die tatsächliche wirtschaftliche Lage, insbesondere bei Haushalten mit geringen Rücklagen?
Fratzscher: Der schwache Konsum bremst die deutsche Wirtschaft, denn weit mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung geht auf den privaten Konsum zurück. Wenn Menschen nicht konsumieren, dann steigen die Umsätze der Unternehmen nicht oder sinken gar. Dies bedeutet weniger Beschäftigung und geringere Einkommen. Dies wiederum schwächt den privaten Konsum, und die Gefahr ist, dass die Wirtschaft in einen Teufelskreis gerät, bei dem die schlechte Stimmung bei Konsum und Investitionen die Unternehmen schwächt und damit auch die privaten Einkommen, was wiederum die Nachfrage dämpft.
Welche Folgen hat die anhaltende Konsumschwäche für Wachstum, soziale Stabilität und politische Akzeptanz und was müsste aus Ihrer Sicht wirtschaftspolitisch passieren, damit der Konsum wieder anspringt?
Fratzscher: Erschwingliche Lebenshaltungskosten und mehr Vertrauen in die Zukunft sind die zwei Schlüssel für einen stärkeren privaten Konsum und damit für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung. Höhere Einkommen und Löhne, wie beispielsweise der Anstieg des Mindestlohns über die kommenden beiden Jahre, könnten einen wichtigen Beitrag zu einer stärkeren privaten Nachfrage leisten. Aber auch die Politik kann durch eine Entlastung von Menschen mit geringen und mittleren Einkommen – wie beispielsweise eine Absenkung der Mehrwertsteuer für Lebensmittel – den privaten Konsum vor allem von Menschen mit geringen Einkommen unterstützen.
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27 Kommentare
Die Konsumzurückhaltung der breiten Bevölkerungsschichten ist ein Symptom für tiefgreifende wirtschaftliche Probleme. Fratzscher scheint dies sehr treffend zu analysieren.
Ist die ‚Sparneigung‘ der Deutschen vielleicht auch eine Folge jahrelanger Niedrigzinspolitik, die das Sparen unattraktiv gemacht hat, aber gleichzeitig die Ungleichheit verstärkt hat?
Eine interessante These! Die Niedrigzinspolitik hat sicherlich dazu beigetragen, dass Vermögen sich eher in den Händen weniger konzentriert hat.
Ich finde es wichtig, dass Fratzscher auf die Ungleichheit hinweist. Es ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der wirtschaftlichen Stabilität.
Die Aussage, dass fast jeder dritte Haushalt keine Rücklagen hat, ist alarmierend. Das deutet auf eine mangelnde soziale Absicherung hin, die dringend verbessert werden muss.
Fratzscher spricht von einer ‚zutiefst unsozialen Inflation‘. Könnte man diese Entwicklung nicht durch gezielte Entlastungspakete für Geringverdiener abmildern, anstatt auf allgemeine Steuererleichterungen zu setzen?
Die Kombination aus steigenden Lebenshaltungskosten und fehlenden Rücklagen ist eine tickende Zeitbombe. Was passiert, wenn die Zinsen weiter steigen und die Kredite teurer werden?
Das ist ein sehr guter Punkt. Höhere Zinsen könnten viele Haushalte zusätzlich belasten und die Situation noch dramatischer machen.
Die Analyse, dass es nicht nur um Sparneigung, sondern auch um fehlenden Spielraum geht, ist entscheidend. Die soziale Frage muss in den Fokus gerückt werden.
Die Kombination aus steigenden Preisen und fehlenden Rücklagen ist eine explosive Mischung. Ich mache mir große Sorgen um die soziale Stabilität in Deutschland.
Ich teile Ihre Sorge. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass sie vom System abgehängt werden, kann das zu Unruhen führen.
Die ‚Job-Angst‘ scheint ein zentrales Thema zu sein. Gibt es Branchen, die besonders stark von dieser Angst betroffen sind, und welche Maßnahmen könnten ergriffen werden, um das Vertrauen zu stärken?
Die gestiegenen Lebensmittelpreise von fast 40 Prozent in fünf Jahren sind enorm. Wie kann es sein, dass die Löhne und Gehälter nicht im gleichen Maße steigen, um diese Inflation auszugleichen?
Die Aussage, dass fast ein Drittel der Haushalte keine Rücklagen hat, ist erschreckend. Das bedeutet doch, dass schon kleine unvorhergesehene Ausgaben für diese Menschen existenzbedrohend sein können, oder?
Ich verstehe die Sorge der Besserverdiener angesichts der Unsicherheit, aber ihre erhöhte Sparquote verschärft die Situation doch für alle anderen, oder? Ist das nicht ein gewisser Egoismus?
Ich frage mich, ob die ‚Angst vor Jobverlust‘ wirklich so groß ist, oder ob es eher eine generelle Unsicherheit über die wirtschaftliche Zukunft ist, die die Menschen zum Sparen zwingt. Die psychologische Komponente scheint hier wichtig.
Die Tatsache, dass ein so großer Teil der Bevölkerung keinen Spielraum zum Sparen hat, wirft die Frage auf, ob das aktuelle Wirtschaftssystem wirklich für alle funktioniert. Es scheint, als würden viele abgehängt.
Die Tatsache, dass 30 Prozent der Haushalte keine Ersparnisse haben, sollte zu einem Umdenken in der Politik führen. Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit und eine gerechtere Verteilung des Wohlstands.
Die 40-prozentige Steigerung der Lebensmittelpreise in 5 Jahren ist enorm. Welche konkreten Produkte sind am stärksten gestiegen und wie können Verbraucher darauf reagieren?
Wenn die Lebensmittelpreise um fast 40% gestiegen sind, wie wirkt sich das konkret auf Rentner aus, die ein festes Einkommen haben? Sind sie besonders gefährdet?
Es wäre wichtig zu wissen, welche Altersgruppen besonders stark unter den fehlenden Rücklagen leiden. Betrifft es vor allem jüngere Menschen, die gerade ins Berufsleben einsteigen?
Wenn fast ein Drittel der Haushalte keine Rücklagen hat, wie realistisch ist es dann, von einer ‚Konsumgesellschaft‘ zu sprechen? Es scheint, als ob viele Menschen einfach nicht mehr mithalten können.
Es ist ein Teufelskreis: Konsumflaute führt zu Jobängsten, die wiederum den Konsum weiter reduzieren. Wie kann man diesen Kreislauf durchbrechen, wenn die Menschen verständlicherweise vorsichtig sind?
Die ‚zutiefst unsoziale Inflation‘ ist ein treffendes Bild. Es ist unfair, dass gerade diejenigen, die es am wenigsten leisten können, am stärksten darunter leiden.
Die hohe Ungleichheit bei privaten Ersparnissen in Deutschland ist ein strukturelles Problem. Was sind die langfristigen Folgen, wenn dieser Trend anhält und sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet?
Die Analyse von Fratzscher klingt plausibel. Die Behauptung, dass die Deutschen ‚einfach so‘ sparen, ist eine Vereinfachung, die die wahren Ursachen verschleiert.
Dieser Teufelskreis aus Konsumflaute und Jobängsten ist wirklich beunruhigend. Wie können politische Maßnahmen das Vertrauen der Konsumenten stärken und den Kreislauf durchbrechen?