Listen to the article
Zahlen statt Mythen: Viele PKV-Tarife blenden mit Leistungen, die kaum jemand nutzt, während im Kleingedruckten bei Implantaten teure Lücken klaffen. Ein Realitätscheck.
Im Mittelpunkt steht eine einfache, aber entscheidende Frage: Wodurch entstehen langfristig steigende Beiträge in der PKV? Die Antwort liegt im Zusammenspiel von Einnahmen und Ausgaben im Versichertenkollektiv.
Ein Teil dieser Entwicklung ist vorgegeben – etwa durch medizinischen Fortschritt, steigende Lebenserwartung oder allgemeine Kostensteigerungen. Daneben gibt es jedoch Faktoren, die direkt aus der Tarifgestaltung entstehen.
Wiederkehrendes Muster in der Praxis
Und genau hier zeigt sich in der Praxis ein wiederkehrendes Muster: Bestimmte Leistungen werden in Beratungen, Blogbeiträgen und Vergleichsrechnern gezielt hervorgehoben. Sie wirken besonders hochwertig und werden als entscheidend dargestellt.
Für nahezu jede dieser Leistungen lassen sich Einzelfälle finden, in denen genau dieser Punkt eine Rolle gespielt hat.
Die entscheidenden Fragen sind jedoch:
- Wie häufig kommt das tatsächlich vor?
- Und welche Punkte sind im Alltag wirklich relevant?
Denn am Ende geht es immer um zwei Dinge gleichzeitig:
Eine gute medizinische Versorgung – und Beiträge, die langfristig bezahlbar bleiben.
Ein besonders gutes Beispiel für dieses Spannungsfeld sind Zahnarztleistungen.
Dieter Homburg berät seit über 25 Jahren Menschen zu privater Krankenversicherung und Risikoabsicherung – mit Schwerpunkt auf langfristiger Beitragsstabilität und Bezahlbarkeit. Er prüft für privat Versicherte kostenlos, ob bestehende PKV-Verträge bei gleichen Leistungen oft mehrere Tausend Euro pro Jahr günstiger gestaltet werden können, und unterstützt insbesondere junge Menschen dabei, eine langfristig stabile private Krankenversicherung zu finden. Er ist Autor des Bestsellers „Altersvorsorge für Dummies“ und Teil des EXPERTS Circle.
Ein häufiges Argument
In vielen Beratungen wird ein Punkt besonders betont: Ein guter Tarif müsse Leistungen oberhalb der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) erstatten.
Die GOZ ist der gesetzliche Rahmen für zahnärztliche Abrechnungen.
Je nach Aufwand werden Leistungen mit einem bestimmten Faktor berechnet – üblich sind Sätze bis etwa zum 2,3- oder 3,5-fachen.
Abweichungen darüber hinaus sind möglich, müssen aber individuell vereinbart werden.
Die Realität in Zahlen
Auswertungen (Statista, 2024) zeigen ein klares Bild:
- 49,94 Prozent zum Regelhöchstsatz
- 30,69 Prozent zum Höchstsatz
- 12,53 Prozent dazwischen
- 5,63 Prozent darunter
- 1,21 Prozent darüber
Damit liegen rund 98,79 % aller Abrechnungen innerhalb der Gebührenordnung. Leistungen darüber hinaus kommen vor – sind aber die Ausnahme.
Wenn ein Zahnarzt oberhalb der Gebührenordnung abrechnen möchte, muss dafür eine individuelle Honorarvereinbarung getroffen werden. Patienten können sich in solchen Fällen bewusst für oder gegen diese Behandlung entscheiden und auf eine Vielzahl von Zahnärzten ausweichen, die innerhalb der Gebührenordnung abrechnen.
Einordnung
Das bedeutet: Ein Szenario, das in Beratung und Darstellung häufig hervorgehoben wird, betrifft in der Praxis nur einen sehr kleinen Teil der Fälle.
Gleichzeitig wird genau dieser Punkt oft zum entscheidenden Kriterium gemacht.
Was in der Praxis wirklich zählt
Ein Blick auf typische Leistungsfälle zeigt ein anderes Bild.
Ein Beispiel sind Implantate.
Zahnersatz ist kein Randthema, sondern gehört im höheren Alter zur Realität vieler Menschen.
Statistische Erhebungen zeigen, dass Menschen zwischen 65 und 74 Jahren im Durchschnitt über 14 fehlende Zähne haben. Rund 22,6 Prozent sind in dieser Altersgruppe sogar vollständig zahnlos.
Die Folge: Zahnersatz wird nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel. Implantate sind dabei längst ein etabliertes Standardverfahren.
Allein in Deutschland werden jedes Jahr über eine Million Implantate eingesetzt – mit steigender Tendenz.
Damit wird deutlich: Während extreme Zahnarztrechnungen selten sind, ist Zahnersatz im Lebensverlauf sehr wahrscheinlich.
Volker Tietz / Gemini
Wo die eigentlichen Probleme liegen
Im Kleingedruckten diverser Tarife finden sich dagegen Regelungen, die in der Praxis deutlich relevanter sind.
Dazu gehören zum Beispiel:
- Begrenzungen wie maximal vier Implantate pro Kiefer
- feste Erstattungsbeträge, etwa 1250 Euro pro Implantat
Heute liegen die tatsächlichen Kosten häufig zwischen 2000 und 3000 Euro. Schon heute entsteht damit eine Differenz.
Entscheidend ist jedoch die Entwicklung über die Zeit: Bei 3 Prozent Inflation entspricht ein Betrag von 1250 Euro in 30 Jahren nur noch rund 500 Euro Kaufkraft.
Damit entsteht langfristig eine deutliche Lücke zwischen Leistung und tatsächlichen Kosten.
Weitere relevante Punkte
Neben solchen Begrenzungen spielen in der Praxis häufig auch andere Tarifmechaniken eine Rolle:
- Interne Preis- und Leistungsverzeichnisse
→ Der Versicherer legt fest, welche Beträge erstattungsfähig sind. Das führt regelmäßig zu Kürzungen und Diskussionen – oft schon kurz nach Vertragsabschluss. - Dauerhafte Zahnstaffeln mit festen Gesamtgrenzen
→ Beispielsweise maximal 5000 oder 10.000 Euro für alle Zahnleistungen zusammen pro Jahr. Was heute ausreichend wirkt, kann bei umfangreicher Versorgung in Zukunft schnell an Grenzen stoßen.
Diese Punkte wirken nicht theoretisch, sondern direkt im Leistungsfall.
Der Unterschied
Damit entsteht eine klare Unterscheidung:
- Leistungen oberhalb der Gebührenordnung betreffen seltene Einzelfälle
- tarifliche Begrenzungen wirken regelmäßig im Alltag
Schlussgedanke
Nicht jede Leistung, die besonders hervorgehoben wird, ist in der Praxis entscheidend.
Wichtiger ist, welche Leistungen tatsächlich genutzt werden – und welche Auswirkungen sie langfristig haben.
Ausblick
Im nächsten Teil der Serie geht es um Auslandsleistungen – und die Frage, welche Rolle sie in der Praxis wirklich spielen.
Den vollständigen Artikel hier lesen


5 Kommentare
Solid analysis. Will be watching this space.
Interesting update on Teurer Zahnersatz: PKV-Kunden sitzen oft auf hohen Kosten. Looking forward to seeing how this develops.
Good point. Watching closely.
I’ve been following this closely. Good to see the latest updates.
This is very helpful information. Appreciate the detailed analysis.