Die Energiewende in Europa wird oft als eine Frage der Stromerzeugung dargestellt: mehr Wind- und Solarenergie aufbauen, um dann importierte fossile Brennstoffe zu ersetzen. Sie ist jedoch auch eine Strategie zur Sicherung der Energieversorgung. Im Jahr 2024 erzeugte die EU 43 % ihrer Energie im Binnenraum und deckte die restlichen 57 % ihres Bedarfs durch Nettoimporte, die überwiegend aus Erdöl und Erdgas bestanden. Dadurch sind europäische Haushalte und Unternehmen geopolitischen Turbulenzen und schwankenden Weltmarktpreisen für Brennstoffe ausgesetzt.
Abbildung 1: Europas Energiemix aus eigener Erzeugung und Importen

Quelle: Europäische Kommission. „In focus: EU energy security explained“, 20. April 2026.
Die Elektrifizierung bietet einen Weg, diese Abhängigkeit zu verringern. Das Stromsystem Europas ist bereits deutlich sauberer als sein Energiemix insgesamt, wobei erneuerbare Energien rund die Hälfte des Bruttostromverbrauchs decken. Der EU-Aktionsplan zur Elektrifizierung zielt darauf ab, den Stromanteil am Endenergieverbrauch von derzeit etwa 23 % auf voraussichtlich 46 % bis zum Jahr 2040 zu steigern.
Dadurch würden mehr Industrieprozesse, Heizung und Verkehr an das Stromnetz angebunden. Rechenzentren und andere stromintensive Aktivitäten werden den Bedarf weiter erhöhen. Gleichzeitig muss das Netz mehr erneuerbare und andere CO₂-arme Erzeugungsanlagen anschließen, die oft weit entfernt von bestehenden Verbrauchszentren liegen. Europa benötigt daher mehr als nur zusätzliche Erzeugungskapazitäten. Es braucht auch Netze, die größere Strommengen übertragen und steuern können.
Abbildung 2: Durch den steigenden Strombedarf von KI wird die Netzkapazität zum limitierenden Faktor

Quelle: Morgan Stanley, „Powering AI Comes To Europe“, 3. Dezember 2025. Prognosen sind kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und alle Anlagen sind mit Risiken und Ungewissheiten verbunden.
Ein Stromziel stößt auf eine physikalische Beschränkung
Rund 40 % der Verteilungsnetze in Europa sind älter als 40 Jahre2, und allein die Realisierung neuer Netzanschlüsse kann bereits Jahre dauern. Die Europäische Kommission schätzt, dass Europa bis 2040 Investitionen im Volumen von rund 730 Milliarden Euro in Verteilungsnetze und 477 Milliarden Euro in Übertragungsnetze, einschließlich Offshore-Netze, benötigen könnte. Insgesamt ergibt das etwa 1,2 Billionen Euro.
Ein Großteil der Investitionen ist auf der Verteilungsebene benötigt, da die Elektrifizierung lokal stattfindet. Eine Fabrik, die Anlagen auf fossilen Brennstoffen durch elektrische Systeme ersetzt, ein Depot, das Hochleistungsladestationen installiert, oder ein Stadtteil, der auf Wärmepumpen umstellt – all das kann stärkere lokale Netze, Umspannwerke und Transformatoren erfordern. Investitionen in die Übertragungsnetze sind aufgrund anderer Herausforderungen notwendig: zum Anschluss von Offshore-Kraftwerken, zum Stromtransport zwischen Ländern und zum Abbau von Engpässen.
Die Erweiterung der Infrastruktur wird das Problem nur teilweise lösen. Ein stärker elektrifiziertes System muss bidirektionale Stromflüsse aus dezentralen Solaranlagen, Batterien und Elektrofahrzeugen meistern und schneller auf Veränderungen bei Angebot und Nachfrage reagieren können. Intelligente Zähler, digitale Steuerungen und flexiblere Anschlüsse können Betreibern helfen, die vorhandene Netzkapazität besser zu nutzen.
Die Chance erstreckt sich über die gesamte Kette der Netzinfrastruktur
Die Investition kommt Unternehmen zugute, die benötigte Infrastruktur für das Stromsystem liefern und errichten. Hochspannungs- und Unterseekabel verbinden Offshore-Kraftwerke und grenzüberschreitende Übertragungsleitungen. Transformatoren passen die Spannung an. Schaltanlagen schützen die Anlagen und steuern den Stromfluss. Um Strom zuverlässig zu übertragen und zu verwalten, sind Umspannwerke, Systeme für die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) sowie Leistungselektronik und digitale Steuerungen erforderlich.
Abbildung 3: Stromfluss und wichtige Anlagen

Quelle: WisdomTree.
Die aktuellen Auftragsbestände deuten darauf hin, dass die Nachfrage bereits kräftig ist. Prysmian meldete im März 2026 einen Auftragsbestand für Übertragungsnetze im Umfang von rund 16,8 Milliarden Euro.4 Nexans gab einen bereinigten Auftragsbestand für Übertragungsnetze von 7,9 Milliarden Euro an, der Prognosesicherheit bis ins Jahr 2028 bietet.5 Der Konzernauftragsbestand von Siemens Energy erreichte im zweiten Quartal einen Rekordwert von 154 Milliarden Euro, gestützt durch die starke Nachfrage im Bereich Grid Technologies.6
Prysmian, Nexans und NKT verbinden die Kabelherstellung mit Engineering- und Installationskompetenzen für große Übertragungs- und Verbindungsprojekte. Siemens Energy liefert Transformatoren, Umspannwerke, HGÜ-Anlagen und andere Hochspannungstechnologien. ABB und Schneider Electric decken die Bereiche Stromverteilung, Schaltanlagen, Automatisierung und Energiemanagementsysteme ab.
Diese Produkte kommen in Projekten für erneuerbare Energien, Kernkraft, Energiespeicherung und Netzverbund zum Einsatz. Anbieter von Netzausrüstung sind daher weniger vom Erfolg einer einzelnen Erzeugungstechnologie abhängig.
Ein größerer Teil der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung bleibt in Europa
Europa könnte seine Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern, nur um dann neue Abhängigkeiten von importierten Elektrotechnologien zu schaffen. Neue EU-Beschränkungen bei der öffentlichen Finanzierung von Projekten, bei denen Wechselrichter aus „Hochrisikoländern“ zum Einsatz kommen, zeigen, dass sich die politischen Entscheidungsträger dieses Risikos zunehmend bewusst sind.7
Moderne Wechselrichter sind mehr als nur einfache Hardwarekomponenten. Sie verbinden Solar- und Batteriesysteme mit dem Stromnetz, können per Fernzugriff Software-Updates empfangen und den Stromfluss beeinflussen. Chinesische Hersteller haben 2023 rund 70 % der Wechselrichter in Europa geliefert – eine Zahl, die auch in einer aktuellen Bewertung der Europäischen Kommission genannt wird.8 Europäische Anbieter wie das in Deutschland ansässige SMA Solar Technology – der drittgrößte Hersteller von Solarwechselrichtern weltweit9 – bieten eine Alternative mit Produkten für Großsolaranlagen, Speicher- und Netzintegrationsanwendungen.
Abbildung 4: Weltweites Ranking der Hersteller von Solarwechselrichtern 2026
Quelle: Wood Mackenzie. Das Ranking von Huawei basiert auf einer Schätzung von Wood Mackenzie.
Abbildung 5: Erholung des Auftragsbestands bei SMA Solar Technology gewinnt an Fahrt

Quelle: Bloomberg, Unternehmensunterlagen. Stand: 12. August 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Die Beschränkung des Zugangs auf etablierte Lieferanten kann kurzfristig zu höheren Kosten oder einer langsameren Bereitstellung führen. Dennoch spiegelt die Politik umfassendere Bedenken hinsichtlich der Cybersicherheit und der Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten kritischer Infrastruktur wider.
Der Gesetzesentwurf zur Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit (Industrial Accelerator Act) geht noch einen Schritt weiter. Er würde Kriterien hinsichtlich europäischer Herkunft und geringer CO2-Emissionen in ausgewählte öffentliche Beschaffungs- und Förderprogramme in strategischen Sektoren einführen. Auch wenn der Vorschlag noch kein endgültiges Gesetz ist, ist die politische Ausrichtung klar: Europa möchte einen größeren Teil seiner Infrastrukturausgaben zur Unterstützung der europäischen Fertigungs- und Lieferkettenkapazitäten einsetzen.
Fazit
Der Aktionsplan zur Elektrifizierung deutet auf einen umfangreichen Investitionszyklus hin. Ob sich die politischen Vorgaben in konkreten Ausgaben niederschlagen, hängt von der Projektumsetzung und dem Kapazitätsausbau seitens der Lieferanten ab, doch die Richtung liegt auf der Hand. Um den Stromanteil am Endenergieverbrauch von rund 23 % auf 46 % zu steigern, ist weit mehr als nur neue Erzeugungskapazität erforderlich.
Erneuerbare Energien bleiben unverzichtbar, ebenso wie die Kabel, Transformatoren, Umspannwerke, Schaltanlagen, Leistungselektronik und digitalen Systeme, die für den Anschluss, die Übertragung und die Steuerung dieser Energien benötigt werden. Für Anleger erstreckt sich die Chance daher über die Stromerzeugung hinaus auf die Unternehmen, die das physische Rückgrat der Elektrifizierung Europas aufbauen.
Das Angebot von WisdomTree
Der WisdomTree Europe Infrastructure UCITS ETF (WBLD) soll die Chance durch Unternehmen erschließen, die am Aufbau und an der Bereitstellung der nächsten Infrastrukturgeneration in Europa beteiligt sind. Sein Wertschöpfungskettenansatz zielt auf ein Engagement in Bauunternehmen und wichtigen Zulieferern ab, vermeidet reine Betreiber und richtet das Portfolio stärker auf die Bereiche aus, in denen öffentliche Mittel, Vergaberegeln und Industriepolitik das Wachstum ankurbeln können. Das Portfolio weist ein bedeutendes Engagement in Anbietern von elektrischer Ausrüstung auf, die in direktem Zusammenhang mit dem Elektrifizierungstrend in Europa stehen.
Abbildung 6: Abdeckung der Infrastruktur-Wertschöpfungskette durch den WisdomTree Europe Infrastructure UCITS ETF

Quelle: WisdomTree.
Eine Anlage im WisdomTree Europe Infrastructure UCITS ETF kann mit verschiedenen Risiken verbunden sein. Der Wert der Fondsanteile kann sowohl steigen als auch fallen, und Anleger können einen Teil oder den gesamten investierten Betrag verlieren. Der Fonds bietet ein Engagement in Unternehmen, die mit dem Thema europäische Infrastruktur in Verbindung stehen, und kann daher stärker auf wirtschaftliche, politische, regulatorische oder branchenspezifische Entwicklungen reagieren, die diese Unternehmen betreffen. Es gibt keine Garantie dafür, dass das erwartete Wachstum bei Investitionen in die Infrastruktur Europas eintritt oder dass Unternehmen, die in diesem Thema engagiert sind, davon profitieren werden. Ausführliche Informationen zu den mit einer Anlage im Fonds verbundenen Risiken finden Sie im Basisinformationsblatt und im Prospekt.
1 Quelle: Europäische Kommission, „Electrification“, energy.ec.europa.eu, August 2026.
2 Quelle: Europäische Kommission, „Electrification“, energy.ec.europa.eu.
3 Quelle: Europäische Kommission, „EU guidance on ensuring electricity grids are fit for the future“, energy.ec.europa.eu.
4 Quelle: Prysmian, Finanzbericht zum 31. März 2026.
5 Quelle: Nexans, Finanzdaten für das erste Quartal 2026.
6 Quelle: Siemens Energy, Ergebnisveröffentlichung für das Q2 des GJ 2026.
7 Quelle: Wood Mackenzie, „Ban on inverters from high-risk countries, led by China, to affect 14% of EU solar demand through 2030“, woodmac.com.
8 Quelle: Europäische Kommission, Folgenabschätzung zum Vorschlag für eine Verordnung zur Änderung des Cybersicherheitsgesetzes, 2026.
9 Quelle: Wood Mackenzie, „Solar inverter manufacturer ranking 2026“, woodmac.com.
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