Das auf deutsche Nebenwerte spezialisierte Analysehaus mwb research hat seine Schätzungen für das zweite Quartal 2026 der Ernst Russ AG veröffentlicht. Die Analysten rechnen mit einem Umsatzanstieg von 2,8 Prozent auf 40,0 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Als Treiber nennen sie höhere Charterraten, die das Wachstum der Erlöse stützen sollen.
Höhere Charterraten stützen die Erlöse
Konkret unterstellt mwb research für das Quartal durchschnittliche Charterraten von 19.750 US-Dollar gegenüber 17.412 US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Die Charterrate ist der Tagessatz, den ein Schiffseigner für die Vermietung eines Schiffes an einen Befrachter erhält. Sie ist damit die zentrale Ertragsgröße für Reedereien und schwankt mit der Nachfrage nach Transportkapazität und dem verfügbaren Tonnageangebot.
EBIT-Rückgang durch hohe Vergleichsbasis
Auf der Ergebnisseite erwarten die Analysten dagegen einen Rückgang: Das operative Ergebnis (EBIT) soll um 24,8 Prozent auf 11,5 Millionen Euro sinken. Ausschlaggebend dafür ist nach Darstellung von mwb research keine operative Schwäche, sondern eine anspruchsvolle Vergleichsbasis. Im zweiten Quartal des Vorjahres hatte das Ergebnis rund 5 Millionen Euro Veräußerungsgewinne aus dem Verkauf der MV Andante enthalten. Solche Einmaleffekte fallen unregelmäßig an und verzerren den Jahresvergleich.
Rechnet man diesen Sondereffekt heraus, ergibt sich nach der Modellrechnung des Analysehauses ein anderes Bild: Auf vergleichbarer Basis erwartet mwb research ein EBIT-Wachstum von 10 bis 11 Prozent im Jahresvergleich. Das Quartal biete damit einen Einblick in die operative Rentabilität der Flotte, bevor im dritten Quartal erneut ein Sondereffekt hinzukommt.
Nettogewinn und Ergebnis je Aktie
Für den Nettogewinn nach Anteilen Dritter setzen die Analysten 9,0 Millionen Euro und ein Ergebnis je Aktie von 0,27 Euro an. Der Begriff „nach Minderheiten“ bezeichnet den Gewinnanteil, der nach Abzug der Ansprüche von Minderheitsgesellschaftern an Tochterunternehmen den Aktionären der Muttergesellschaft zusteht. Bei Schifffahrtsgesellschaften mit Beteiligungsstrukturen an Einschiffsgesellschaften ist diese Abgrenzung relevant, weil ein Teil der operativen Ergebnisse nicht vollständig dem Konzern zufließt.
Blick auf das dritte Quartal
Nach Einschätzung von mwb research erlaubt das zweite Quartal deshalb eine relativ unverstellte Sicht auf die zugrunde liegende Ertragskraft des Schiffsportfolios. Im Folgequartal dürfte das Zahlenwerk erneut von einem Einmaleffekt geprägt sein: Die Analysten verweisen auf den Veräußerungsgewinn der EF Emira im dritten Quartal. Verkäufe einzelner Schiffe gehören zum Geschäftsmodell von Ernst Russ, das neben dem Betrieb der Flotte auch das Management und den Handel von Schiffsvermögen umfasst. Für Anleger bedeutet das, dass die ausgewiesenen Quartalsergebnisse regelmäßig zwischen operativem Geschäft und Transaktionsgewinnen unterschieden werden müssen.
Einstufung und Kursziel
mwb research hat in der Studie die eigene Einstufung nicht verändert und die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 13,70 Euro bestätigt. Kursziele und Ratings von Analysehäusern sind Einschätzungen einzelner Institute, die auf eigenen Annahmen zu Charterraten, Flottenentwicklung und Kapitalkosten beruhen. Sie stellen keine Prognose des Unternehmens dar und können von der tatsächlichen Geschäftsentwicklung abweichen.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Analyse wurde die Ernst-Russ-Aktie auf Tradegate mit einem Kurs von 7,84 Euro und einem Plus von 0,51 Prozent gehandelt (18. August 2026, 10:27 Uhr). Damit liegt die Notierung deutlich unter dem von mwb research genannten Kursziel.
Was die Zahlen einordnet
Die genannten Werte für Umsatz, EBIT, Nettogewinn und Ergebnis je Aktie sind Schätzungen des Analysehauses vor der Veröffentlichung der Quartalszahlen und keine vom Unternehmen berichteten Ergebnisse. Ob die tatsächlichen Zahlen die Erwartungen treffen, hängt unter anderem davon ab, wie sich die realisierten Charterraten, die Auslastung der Flotte sowie Kosten- und Bewertungseffekte im Quartal entwickelt haben.
Für die Beurteilung des Zahlenwerks dürfte vor allem entscheidend sein, wie stark der operative Beitrag der Flotte ohne Sondereffekte ausfällt. Der von mwb research angesetzte Anstieg der durchschnittlichen Charterraten um rund 2.300 US-Dollar je Tag deutet auf ein im Jahresvergleich freundlicheres Ratenumfeld hin. Gleichzeitig zeigt der prognostizierte EBIT-Rückgang, wie stark einzelne Schiffsverkäufe die berichteten Ergebnisse einer Reederei bewegen können – in beide Richtungen.
Quelle: Nachrichten Ticker – Kategorie: Analysen – www.wallstreet-online.de
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